Am Ende der dunklen Zeit

Für kurze Zeit geriet Flensburg im Mai 1945 in den Fokus der Geschichte. Die NS-Führung hatte sich in die nördlichste deutsche Stadt abgesetzt und versuchte, die von ihr angerichteten Trümmer des Deutschen Reiches weiter zu verwalten. In der Stadt bieten Historiker zu dem Thema gelegentlich Vorträge und Touren: "Auf den Spuren der Zeitgeschichte"(Flensburger Tageblatt, 30.01.2012) 

Wie sich die Situation damals darstellte, erzählen die folgenden Berichte.


Letzter Fluchtpunkt für die NS-Größen sollte die Alpenfestung sein 
- das zumindest vermuteten die Alliierten bei Kriegsende.

Doch statt in den Süden zog sich das letzte Aufgebot des zusammenbrechenden Dritten Reiches in den Norden zurück. Während Berlin vor der Roten Armee kapitulierte, richtete sich die geschäftsführende Reichsregierung in der Marineschule Mürwik bei Flensburg ein.

Zwar sind die letzten Tage der Reichsregierung vom 3. bis zum 23. Mai 1945 nur eine Fußnote in der Geschichte, gleichwohl fielen dort noch eine ganze Reihe Entscheidungen mit bedeutenden Auswirkungen. Vor seinem Selbstmord am 30. April 1945 hatte der Diktator Adolf Hitler in seinem politischen Testament den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, zum Reichspräsidenten ernannt.

Sportschule als Regierungsgebäude

Dönitz übernahm am 1. Mai 1945 die Führung der letzten deutschen Reichsregierung und verlegte zwei Tage später sein Hauptquartier auf das Gelände der Marineschule Mürwik. Als Regierungsgebäude diente die Sportschule. Der letzte unbesetzte Rest des großdeutschen Reiches erstreckte sich rund sieben Kilometer die Fördeküste entlang. Dönitz und einige Minister nahmen Quartier auf dem Dampfer "Patria", der getarnt an der Blücherbrücke lag. Wirtschaftsminister Albert Speer zog in das Schloss Glücksburg.

Von Mürwik aus leitete Dönitz die Kapitulationsverhandlungen ein und organisierte die Rettung von zahlreichen Flüchtlingen und Verwundeten aus dem Osten des verbliebenen Reichsgebietes. Sein Ziel war es, möglichst viele deutsche Soldaten und Zivilisten in das Gebiet der Westmächte zu holen. Dönitz spielte Reichspräsident und Chef des Oberkommandos der Wehrmacht zugleich. Dementsprechend kapitulierte er am 4. Mai gegenüber dem britischen Feldmarschall Bernhard Montgomery für die Truppen in Norddeutschland.

Erst am 7. Mai 1945 flog Generaloberst Alfred Jodl von Flensburg aus nach Reims und unterschrieb dort die Gesamtkapitulation für Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatten die deutschen Teilkräfte in Berlin, Italien, Holland, Norddeutschland und Dänemark bereits kapituliert. Im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin wurde die Kapitulation am 8. Mai wiederholt. Ab Mitternacht schwiegen die Waffen.


Fantastische Pläne

Doch auch nach dem 8. Mai blieb die Regierung in Flensburg zunächst unbehelligt. Die Alliierten waren sich in den ersten Tagen nach Kriegsende noch nicht einig, wie man mit ihr verfahren sollte. In völliger Verkennung ihrer Lage entwarf die Regierung Dönitz fantastische Pläne für die Zukunft Deutschlands und für ihre eigene. Erst am 23. Mai wurde das Treiben der britischen Besatzungsmacht zu bunt: Sie verhaftete die Regierung Dönitz in der Marineschule. Albert Speer, der schon am 5. Mai aus der Regierung ausgestiegen war, wurde auf Schloss Glücksburg festgenommen.

Nach 1945 diente das Gebäude der Marineschule zunächst als Krankenhaus. Ab 1949 wurde der Nordflügel als Zollschule benutzt. Im Sommer 1956 bezog die Marine wieder einen Teil des Gebäudes und begann im November mit der Ausbildung ihres Offiziersnachwuchses, 1959 übernahm die Marine das ganze Gebäude. Seitdem haben alle Offiziersanwärter der Marine in ihrer Ausbildung hier absolviert. In dem frisch renovierten Bau, der noch das gleiche Erscheinungsbild wie in den 40er Jahren hat, erinnert die jungen Soldaten heute nichts mehr an die dramatischen Vorgänge bei Kriegsende.

Erst in der jüngsten Vergangenheit haben Historiker die Rolle Flensburgs als Fluchtpunkt für die Drahtzieher des dritten Reich aufgearbeitet. Nicht nur Dönitz mit seiner Reichsregierung hatte sich nach Norden abgesetzt. Die so genannte "Rattenlinie Nord" benutzten auch viele andere Nazis, die den Verfolgern entgehen wollten.


Falsche Papiere in großen Mengen

Zum Beispiel SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der sich mit 150 Personen seines Stabes nach Norden absetzte. In großen Mengen wurden in den letzten Kriegstagen im Flensburger Polizeipräsidium und in Mürwik falsche Papiere ausgegeben, die aus Massenmördern einfache Soldaten machten. Viele von denen, die den Alliierten nicht ins Netz gingen, fanden später Anstellung in der Verwaltung, Hochschulen und im Regierungsapparat der Kieler Landesregierung. In kaum einem anderen Bundesland war in den 1950er Jahren der Anteil der Staatsbediensteten, die eine Vergangenheit als Kriegsverbrecher oder Nazi-Größe aufzuweisen hatten, größer als in Schleswig-Holstein. Dönitz wurde in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er komplett absaß. Er starb in seinem Haus in Aumühle bei Hamburg 1980 an Altersschwäche.

Doch nicht nur Nazis suchten Zuflucht in Deutschlands Norden. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich die Bevölkerungszahl Schleswig-Holsteins von 1,5 Millionen (Mai 1939) bis 1946 auf 2,6 Millionen erhöht. Auf vier Einheimische kamen damals drei Flüchtlinge. Kein anderes Land in den westlichen Zonen hatte einen so starken Zustrom von Menschen zu bewältigen - die Folge waren Wohnraummangel, Hunger, Arbeitslosigkeit und Spannungen zwischen den Einheimischen und den Zugezogenen. Bereits 1943 waren rund 200.000 Menschen aus den zerbombten Großstädten in den relativ sicheren Norden Deutschlands gebracht worden. Als das NS-Reich zusammenbrach, kamen weitere 700.000 Vertriebene und Flüchtlinge und suchten Sicherheit in den Städten und Dörfern.

Die britischen Besatzungstruppen internierten in Eiderstedt, Dithmarschen und Ostholstein bis April 1946 über eine Million Wehrmachtssoldaten, heißt es im Historischen Atlas Schleswig-Holstein. Erst danach wurden die Internierungslager aufgelöst. Die Unterbringung der Menschenmassen stellte alle vor gewaltige Probleme. Familien teilten sich ihre Wohnungen und Häuser mit Fremden, Küchen und Toiletten wurden gemeinsam genutzt; der Platz reichte dennoch nicht. Lebensmittel wurden rationiert und nur über Lebensmittelmarken verteilt. Der Schwarzhandel blühte, der gute Kontakt zu einem Bauern konnte überlebenswichtig sein.


Entspannung durch Wohnungsbau

Wer keinen Platz in privaten Unterkünften fand, kam in ein Sammellager. Im April 1950 existieren noch 728 Flüchtlingslager, in denen 127.756 Menschen lebten, Dann kam der Wohnungsbau in der jungen Bundesrepublik wieder in Gange, die Lage entspannte sich. Berühmt wurden in dieser Zeit die Nissen-Hütten. Diese Baracken, sie ähnelten überdimensionalen Wellblechrohrstücken, die an den Enden mit einer Wand verschlossen waren, wurden für viele Menschen zur ersten festen Wohnung nach Flucht und Vertreibung. Viele hatten Angst, die Vertriebenen aus Ostpreußen und Pommern, die die stärksten Flüchtlingsgruppen bildeten, könnten die gewachsenen Strukturen verändern. Die Situation entspannte sich, weil bis 1960 rund 400.000 Flüchtlinge und Vertriebene nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg weiterzogen und dort eine neue Heimat fanden.

Quelle: "Flensburg: Rattenlinie Nord" (Stern, 03.05.2005)


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Die Regierung Dönitz

Die Niederlage von 1945 ist die dritte Großkatastrophe Mitteleuropas in der Neuzeit. Das Reich geriet in drei Dreißigjährigen Kriegen dreimal an den Rand der Auflösung, wenn auch unter ganz verschiedenen Umständen: 1618 – 1648, 1789 – 1815, 1914 – 1945. Aber 1945 kapituliert nur die Wehrmacht, nicht das Reich. Und nicht einmal die Regierung tritt zurück.
 
Am 30. April 1945 nimmt sich Adolf Hitler das Leben. In seinem Testament vom 29. April ernennt er den Grossadmiral Karl Dönitz zum Reichspräsidenten und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht. Diese Ernennung erreicht Dönitz zwar nur per Funkspruch und kann vom Reichstag aufgrund der militärischen Lage in den letzten Kriegstagen nicht mehr bestätigt werden. Indem die Alliierten aber die Bevollmächtigung von Generaloberst Alfred Jodl und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel bei der Kapitulation anerkennen, akzeptieren sie auch die Autorität von Dönitz und billigen de facto seine Regierung. Noch vor der militärischen Kapitulation aber nimmt Dönitz einige weitreichende Handlungen vor: Er erklärt die Tätigkeit der NSDAP für beendet und enthebt am 6. Mai den Reichsführer SS Heinrich Himmler aller seiner Ämter. Die Kapitulation selbst versucht er etwas hinauszuschieben, um im Osten Deutschlands noch möglichst viele Deutsche dem Zugriff der Roten Armee zu entziehen. Die tatsächlichen Wirkungsmöglichkeiten der Regierung Dönitz sind allerdings von Beginn an sehr begrenzt.
 
Zur Regierung unter Reichspräsident Dönitz gehörten: Lutz Graf Schwerin von Krosigk (Reichsaußen- und Finanzminister), Dr. Wilhelm Stuckart ((Reichsinnen- und Kulturminister), Albert Speer (Reichswirtschafts- und Produktionsminister), Dr. Herbert Backe (Reichsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten), Dr. Franz Seldte (Reichsarbeits- und Sozialminister), Dr. Julius Dorpmüller (Reichsverkehrs- und Postminister).
 
Staats- und völkerrechtlich ist es von Bedeutung, dass der deutsche Staat selber nicht kapituliert. Die Urkunde, die Generaloberst Jodl am 7. Mai 1945 gegenüber den Westalliierten in Reims unterzeichnet, ist eine rein militärische Kapitulation. In ihr heißt es:
 
„Der Unterzeichnete, handelnd im Namen des deutschen Oberkommandos, erklärt hiermit die bedingungslose Kapitulation aller Streitkräfte zu Lande, zu Wasser und in der Luft, welche sich in
diesem Augenblick unter deutscher Kontrolle befinden, gegenüber dem Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditionsstreitkräfte und gleichzeitig gegenüber dem Oberkommandierenden
der Sowjettruppen. … Diese Kapitulationsurkunde stellt kein Präjudiz für an ihre Stelle tretende allgemeine Kapitulationsbedingungen dar, die durch die Vereinten Nationen oder in ihrem Namen festgesetzt werden und Deutschland und die Deutsche Wehrmacht als Ganzes betreffen werden.“
 
(Amtsblatt des Kontrollrates in Deutschland, Ergänzungsblatt Nr. 1, 30.4.46, Seite 6)


Als „Vereinte Nationen“ bezeichnen sich während des Krieges die Feindmächte des Deutschen Reiches.
Die eigentliche Gründungsurkunde der Vereinten Nationen, also der UNO, wird aber erst am 26. Juni unterzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt wird die deutsche Regierung bereits ausgeschaltet sein. Die Vereinten Nationen selbst werden keine Forderungen an Deutschland stellen. Vielmehr wird die Generalversammlung 1948 verlangen, dass die Hauptsiegermächte ihre internen Streitigkeiten beilegen und mit dem Deutschen Reich Frieden schliessen sollen. Dies geschieht aber nicht.

Die zweite Kapitulationsurkunde, die Generalfeldmarschall Keitel am 9. Mai auf Forderung der Sowjets im sowjetischen Hauptquartier Berlin-Karlshorst unterzeichnet, hat den gleichen Wortlaut wie die Urkunde von Reims. Die Direktive JCS 1067 an den Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen der USA über die Ziele der Militärregierung in Deutschland vom 26.4.1945 hält fest: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.“
 
Der spätere Bundestagspräsident Dr. Eugen Gerstenmeier brachte in der FAZ vom 21. März 1975 zur Kenntnis: „Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt: dass dieser Krieg schließlich nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde.“
 
Die Alliierten besetzen nun das restliche Reichsgebiet kampflos. Nur das Sondergebiet Flensburg-Mürwik wird als Sitz der Reichsregierung und des Oberkommandos der Wehrmacht freigehalten.
 Auch wenn die durch Dönitz bevollmächtigten Generale auf Druck der Alliierten eine „bedingungslose“ Kapitulation unterschreiben müssen, verzichtet die Reichsregierung dadurch weder auf den Schutz durch das Völkerrecht noch kündigt sie damit die Haager Konvention auf.
 
Aus: „Zehn Jahre und zwanzig Tage“ von Karl Dönitz, Stuttgart 1967:
„Angesichts dieser sehr geringen Wirkungsmöglichkeit trat die Frage auf, ob ich nicht doch mit dem behelfsmässigen Kabinett abdanken sollte. Meine Aufgabe, die Kapitulation ordnungsgemäss durchzuführen, war erfüllt. Wenn ich auch in Mürwik noch in der von den Alliierten nicht besetzten Enklave eines eigenen Hoheitsgebietes lebte, so war ich doch natürlich völlig in der Hand des Gegners. Ganz Deutschland war vom Feind besetzt. Er regierte dort. Selbständiges Handeln, wie es bei der Durchführung
der Kapitulation noch möglich war, gab es für mich nicht mehr.
 
War es unter solchen Umständen nicht würdiger, diesem Scheindasein ein Ende zu machen, also aus eigener Initiative abzudanken, anstatt abwartend völlig ungewissen Massnahmen der Sieger entgegen zu sehen? Dass es mir nach Durchführung der Kapitulation nicht behagte, ohne Wirkungsmöglichkeit dazusitzen, ist selbstverständlich.
 
Minister Speer in erster Linie war der Ansicht, dass wir zurücktreten sollten. Er glaubte für seine Person, dass die Amerikaner weiterhin mit ihm zusammenarbeiten würden.
 
Graf Schwerin-Krosigk hingegen war der Meinung, wir hätten trotz aller Gefahr, dass die Gegner uns bewusst der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben wollten, zu bleiben. Der Reichspräsident und seine behelfsmässige Regierung stellten die Reichseinheit dar. In der bedingungslosen Kapitulation hatte ausdrücklich nur die deutsche Wehrmacht kapituliert. Der deutsche Staat hatte nicht aufgehört zu bestehen. Wenn ich auch behindert sei, tatsächlich Regierungshandlungen zu vollziehen, so ändere das
doch nichts daran, dass ich das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches sei. Auch die Feindmächte hätten dies durch die Forderung einer Vollmacht von mir für die drei Chefs der deutschen Wehrmacht, welche die Kapitulationsurkunde am 8. Mai unterzeichnen sollten, anerkannt. Mein Rücktritt sei daher nur möglich, wenn gleichzeitig für einen Nachfolger gesorgt würde.
 
Ich hielt den Standpunkt Graf Schwerin-Krosigks für richtig. Meine Ernennung hatte ich zunächst nur dahingehend aufgefasst, dass ich nur den Krieg zu beenden hätte. Ich durfte aber jetzt keinesfalls,
was auch geschehen möge, freiwillig mit der behelfsmässigen Reichsregierung zurücktreten. Dann konnten die Sieger mit Recht erklären: Da die für alle Zonen Deutschlands zuständige Reichsregierung davongelaufen ist, blieb uns nichts anderes übrig, als in den einzelnen Besatzungsgebieten besondere deutsche Regierungen aufzustellen und die Souveränität in den Zonen durch eigene Militärregierungen ausüben zu lassen.
 
Ich durfte also schon aus diesem Grunde nur der Gewalt weichen; anderenfalls hätte ich zu der Spaltung Deutschlands, wie sie heute besteht, in politischer Beziehung zumindest formell die Handhabe gegeben. Mein Rücktritt also, der freiwillige Verzicht auf meine von den Alliierten anerkannte Stellung, wäre der politische Fehler gewesen, den ich nach der Kapitulation hätte machen können.
 
Diese Überzeugung schließt nicht aus, dass ich der Ansicht war und auch heute noch bin, dass der Wille des deutschen Volkes allein massgebend für die Besetzung des höchsten Amtes im Staate sein darf.“
 
Zwar deutet nichts darauf hin, dass die Alliierten vom Kriegsziel der Besatzungsherrschaft in Deutschland abrücken werden. Spätestens seit dem Januar 1943, als Churchill und Roosevelt in Casablanca die „bedingungslose Kapitulation“ Deutschlands fordern, ist klar, dass der in der Atlantik-Charta von 1941 festgelegte Grundsatz der Selbstbestimmung nicht für die Besiegten gelten soll. Diese Gedanken werden auf der Konferenz von Quebec fortgesponnen. Hier taucht zum erstenmal der Gedanke auf, den Krieg ohne einen klassischen Friedensvertrag zu beenden.
 
Im Anschluss an die Konferenz der „Grossen Drei“ in Teheran (28.11.–01.12.1943) arbeitet die zu diesem Zweck eingesetzte „European Advisory Commission“ (EAC) die Waffenstillstandsbedingungen und Besatzungsrichtlinien aus. Noch bevor Frankreich in diese Kommission aufgenommen wird, einigen sich England, die Vereinigten Staaten und Sowjetrussland Ende 1944 über die Besatzungszonen und die Einsetzung eines Alliierten Kontrollrats.
 
In Jalta (Januar 1945) werden diese Absichten bekräftigt und durch den Beschluss ergänzt, die Vereinten Nationen zu errichten. Seit der Veröffentlichung der sogenannten Jalta-Dokumente ist bekannt, dass bereits seit dem 25. Juli 1944 ein Kapitulationstext vorlag, der als Dokument einer politischen „bedingungslosen Kapitulation“ von deutschen Bevollmächtigten unterzeichnet werden sollte. Dafür bräuchten die Alliierten eine handlungsfähige deutsche Regierung. Für eine kurze Zeit, zu Beginn der Besatzung, geht die EAC also von der Existenz einer deutschen Zentralregierung aus.
 
Eine amerikanisch-englische Kommission kommt nach Mürvik, wo in der Marineschule an der Flensburger Förde die Reichsregierung in Permanenz tagt. Graf Schwerin v. Krosigk und Backe legen der Kommission in Denkschriften die Notwendigkeit zentraler Verwaltung dar mit dem Erfolg, dass Backe Mitte Mai ins Hauptquartier Eisenhowers fliegen kann, um die Verhandlungen fortzuführen und abzuschliessen. Doch Backe kehrt nicht zurück, und man erhält schließlich die Mitteilung, er sei in Reims interniert worden.
 
Auch Dorpmüller, seit 1937 Reichsverkehrsminister, fliegt nach Reims und führt seine Verhandlungen in einem Schloss bei Paris weiter. Er erhält den Auftrag, den Verkehr in der amerikanisch-englischen Zone in Stand zu setzen. Er erkrankt aber schwer und stirbt kurze Zeit danach.
 
Auf Einladung von Generalmajor Lovell W. Rooks, dem Generalbevollmächtigten des  Oberstkommandierenden General Eisenhower, kommt es am 13. Mai auf dem Luxusdampfer Patria, dem Quartier der britisch amerikanischen Kontrollkommission, zu einem Arbeitsgespräch zwischen Dönitz und Rooks. Wie Dönitz des Schiff betritt, präsentieren britische Marinesoldaten das Gewehr – eine Ehrenbezeugung, die dem Reichspräsidenten gilt.
 
Gleichzeitig aber erhält Eisenhower aus Washington den Befehl, alles zu unterlassen, was die deutsche Wirtschaftskraft stärken könnte. Am 17. Mai sind Eisenhower und Montgomery zu Churchill beordert. Von dieser Zusammenkunft her datiert offenbar der Umschwung. Am 20. Mai läuft ein russisches Kriegsschiff in den Flensburger Hafen ein und ankert neben der Patria. Am selben Tag schreibt die Prawda über die „faschistische Bande um Dönitz“. Dieser sei ein Kriegsgefangener und entsprechend zu behandeln.
 
Wie Dönitz am 23. Mai wieder zur Patria kommt, bietet sich ein anderes Bild dar als bei seinen früheren Besuchen:
 
„Kein englischer Oberstleutnant, der mich unten empfing, kein präsentierender Posten. Dagegen waren eine Fülle von Pressephotographen erschienen. Oben auf der Patria nahmen Jodl, Friedeburg und ich an der einen Seite eines Tisches Platz; auf der anderen sassen Chefs der Kontrollkommission, in der Mitte der amerikanische Generalmajor Rooks, neben ihm der englische General Foord und der russische General Truskow. Im Gefühl der Unausweichlichkeit unseres Schicksals waren meine beiden Kameraden und ich völlig ruhig. General Rooks gab uns eine Erklärung bekannt, wonach er auf Befehl Eisenhowers mich, die deutsche Regierung und das Oberkommando der Wehrmacht zu verhaften habe. Wir hätten uns von jetzt ab als Kriegsgefangene zu betrachten. Er fragte mich, etwas unsicher, ob ich irgend etwas erwidern wollte. Ich entgegnete: ‚Es erübrigt sich jedes Wort’.“
 
Karl Dönitz: „Zehn Jahre und zwanzig Tage“, Frankfurt 1967


Zur gleichen Zeit umstellt eine britische Panzerbrigade grossräumig das Gebiet Flensburg-Glücksburg, während im Sitzungsraum der Reichsregierung Minister, Staatssekretäre und Offiziere tagen. Um 10 Uhr vormittags verhaften britische Militärpolizisten die Gefangenen.
 
"Schwerin-Krosigk zufolge wurde den zahlreichen Fotografen, Presse- und Filmleuten „ein Spectaculum" geboten. Militärpolizei, Infanterie und Panzer waren aufgeboten, um die Deutschen in Haft zu nehmen. Nachdem sie im Gebäude sich nackt hatten ausziehen müssen und ihnen alle Papiere und Wertgegenstände weggenommen worden waren, die sie trotz wiederholter Eingaben nie wieder bekamen, mußten sie sich im Hof mit im Nacken verschränkten Armen dem Kreuzfeuer der Photographen stellen.
Friedeburg, der auf der Rückfahrt von der Patria Zeuge dieser Szene wurde, nahm unter ihrem Eindruck Gift.“
 
Ab diesem 23. Mai 1945 gibt es in Deutschland keine handlungsfähige deutsche Regierung mehr. Dönitz wird in das luxemburgische Kriegsgefangenenlager Mondorf verbracht. Von dort gibt der Reichspräsident im Juli 1945 eine zusammenfassende Erklärung ab, die sogenannte Mondorfer Erklärung:


Bad Mondorf, Juli 1945:
 
Der Kommandant des Lagers, in dem ich mich als Kriegsgefangener befinde, verlas am 7. Juli eine aus drei Paragraphen bestehende Anordnung, die in § 2 unter anderem die Feststellung enthielt, der Deutsche Staat habe aufgehört zu bestehen. Der Satz wurde auf meine Einwendung nachträglich dahin berichtigt,
dass es heißen solle, die Deutsche Regierung habe aufgehört zu bestehen.
 
Um Missverständnissen über meinen Standpunkt vorzubeugen, treffe ich folgende Klarstellung:
 
1. Die Kapitulation ist von meinen Beauftragten auf Grund einer schriftlichen Vollmacht geschlossen worden, die ich als Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches und damit Oberster Befehlshaber
der Wehrmacht ausgestellt habe und die in dieser Form von den bevollmächtigten Vertretern der Alliierten Streitkräfte verlangt war und anerkannt wurde. Die Alliierten haben mich dadurch selbst als Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches anerkannt.
 
2. Durch die mit meiner Vollmacht am 9. Mai 1945 abgeschlossene bedingungslose Kapitulation der 3 deutschen Wehrmachtsteile hat weder das Deutsche Reich aufgehört zu bestehen, noch ist dadurch mein Amt als Staatsoberhaupt beendet worden. Auch die von mir berufene geschäftsführende Regierung ist im Amt geblieben; mit ihr hat die alliierte Überwachungskommission in Flensburg bis zum 23. Mai in Geschäftsverkehr gestanden.
 
3. Die im Anschluss an die Kapitulation erfolgende vollständige Besetzung des Deutschen Reichsgebietes hat an dieser Rechtslage nichts geändert. Sie hat nur mich und meine Regierung tatsächlich behindert, in Deutschland Regierungshandlungen zu vollziehen.
 
4. Ebensowenig konnten meine und meiner Regierung Gefangennahme auf die dargelegte Rechtslage Einfluss haben. Sie hatte nur zur Folge, dass jede tatsächliche Amtshandlung für mich und meine Regierung vollständig aufhörte.
 
5. Mit dieser Auffassung über die Rechtsfolgen der erwähnten militärischen Vorgänge befinde ich mich in Übereinstimmung mit den allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts.

gez. Dönitz

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Marc Paysen,
24.08.2012, 06:24