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Rathausvorplatz/Neumarkt

Am Rathausvorplatz am Neumarkt befindet sich eine unbebaute Fläche, die von einem Vorplatz mit darunterliegender Tiefgarage und dem Gebäude der dänischen Sydbank eingerahmt wird. Das südliche Vorfeld des Rathausgebäudes wurde in den 1990er Jahren durch das Dienstleistungszentrum 1 sowie durch das Gebäude der Sydbank bebaut, aber für das verbliebene Grundstück fehlte es zeitweise an erfolgversprechender Planung. Ab 2011 wurden Pläne für eine Gestaltung der unbebauten Restfläche gemacht, die in zwei Verfahren zum Ausdruck kommen sollten. Das zweite Verfahren sollte schließlich nach einer Ausschreibungsphase im Herbst 2014 Gestalt annehmen. - Die WiF hat sich die Frage vorgelegt, ob die Stadt(kasse) bei dem Verkauf der Fläche wirklich ein gutes Geschäft macht? 


Der zweite Planungsentwurf (2014-201x)
Ein Tagungshotel am Rathausvorplatz/Neumarkt  

Nachdem der erste Planungsentwurf nicht realisiert werden konnte, kam es in der zweiten Jahreshälfte 2014 zu einem neuen Verfahren mit Ausschreibung. Der erste Entwurf war gescheitert, weil ein Ankermieter des geplanten Dienstleistungszentrums 2 - anscheinend die VR Bank - neue Pläne entwickelt hatte, die sich auf ein anderes Grundstück am Neumarkt richte(te)n. Weitere Interessenten für Büroflächen waren vermutlich nicht ausreichend vorhanden, so dass die Planung auf ein Hotel abzielt(e). Dem Ausschuss für Umwelt, Planung und Stadtentwicklung (SUPA) wurden am 28.10.2014 die neuen Architektenpläne vorgelegt, die sich dadurch auszeichneten, dass sie eine Vermittlung zwischen dem 13-geschossigen Rathaus und dem dreigeschossigen Gebäude der Sydbank wagten und neue Akzente bei reduziertem Volumen des Grundgebäudes offenbarten: In zwei geplanten Türmen, deren bis zu 11 Geschosse vergleichsweise niedrig ausfallen sollen, und im Kerngebäude soll Raum für 120 Zimmer sein.(vgl. "Neumarkt: Hotel mit zwei Türmen"; Flensburger Tageblatt, 28.10.2014) Was dieser neue Entwurf für die Gesamtplanung(?) an Hotelzimmern in der Stadt und für die Planung weiterer Hotels am Hafen bedeutet, kann bisher noch niemand sagen. Stattdessen wurde bescheiden eine "neue städtebauliche Qualität" gepriesen; auf einen Zusatz wie z.B. "neue... Qualität, die ihresgleichen sucht" konnte angesichts breiter Zustimmung verzichtet werden. 

Vorlagen (Update 17.11.2014): RV-137/2014, Lageplan Hotel, Planbereichsskizze.

Presseartikel (nicht nur) aus dem Flensburger Tageblatt / sh:z: 
16.02.2017: "Neuer Nachbar fürs Rathaus: Hotel und Mikro-Brauerei" ("Baugenehmigung für 145-Zimmer-Tagungshotel und Erlebnisgastronomie / Platz wird neu gestaltet")  
11.06.2015: "Grünes Licht für Hotelturm am Rathaus" (Aufstockung der Geschosse erfährt keine Kritik
08.01.2015: "Keine Chance für altes Eckhaus" ("Wichtige Planungsschritte für das Hotelprojekt am Rathaus"
1
7.11.2014: "Tagungshotel: Kiel plant jetzt mit" (Rathaushotel: "WiF und Linke sehen Ungereimtheiten in Verfahren und Preisfindung und schalten die Kommunalaufsicht ein."
30.10.2014: "
Freie Bahn für die Neumarkt-Türme" ("Der Plan eines Hotelneubaus am Rathaus löst im Planungsausschuss kaum Gegenwind aus."); "Für Hotel-Turm am Rathaus"(Flensborg Avis) 
28.10.2014: "Neumarkt: Hotel mit zwei Türmen" ("Parkplatz zwischen Sydbank und Dienstleistungszentrum soll bebaut werden / 120 Zimmer in bis zu elf Stockwerken"


  Erstentwurf der zwei Türme am Rathaus         (c) Architekt Lorenzen


Die Informationen zur Ausschreibung des Objekts im zweiten Verfahren sind auf der Seite der Stadt Flensburg einsehbar. 

Der SUPA beriet am 09.06.2015 die Planung, nachdem sie am 01.06.2015 dem Gestaltungsbeirat vorgestellt worden war. Ein Vorschlag, die Ausrichtung der Türme geringfügig zu verändern, wurde nicht aufgegriffen. Eine politische Mehrheit hatte sich früh - und ohne eine Aufforderung des Investors - willig gezeigt, die weitere Aufstockung der Türme zuzulassen: "Totale Unterstützung" und "gerne noch zwei Geschosse mehr", lauteten die Signale von FDP, Grünen und Linken.("Freie Bahn für die Neumarkt-Türme"; Flensburger Tageblatt, 30.10.2014) Der Ausschuss hatte schließlich kaum noch Einwände.("Grünes Licht für Hotelturm am Rathaus"; Flensburger Tageblatt, 11.06.2015) 


  Südperspektive ohne Stadtbildbezug              (c) Architekt Lorenzen


Der folgende Bildvergleich zeigt den bei der Vorstellung der (Einzel-)Planung nicht vorgeführten, städtebaulichen Gesamtüberblick (Blickrichtung: Westen): 

  Blick vom Sandberg aufs Rathaus (März 2012, ohne Hotel)                        Planungschef zum Hotelentwurf: "eine hohe städtebauliche Qualität" 

Eine Beeinträchtigung der "Frischluftschneise", welche die West-Ost-Richtung verlaufende Straße B199 bildet, wurde nicht festgestellt.  


Welche Auswirkung hat das Gebäude auf den Vorplatz des Rathauses am Neumarkt? 

  Der Neumarkt im heutigen Zustand (25.11.2014)                                       Versuch einer Skizze des Neubaus (hellrot, nicht maßstabsgetreu) 

Der Bau der Hoteltürme in der Lage des Entwurfs mindert die "Aufenthaltsqualität" am Vorplatz des Rathauses, indem der Platz in den Schatten gestellt wird. 




Der erste Planungsentwurf für den Neumarkt (2011-2013)
Ein Dienstleistungszentrum 2 am Neumarkt/Rathausvorplatz

Zwischen dem Rathaus und der Sydbank an der Roten Straße wird direkt am Neumarkt seit 2011 ein neues Gebäude geplant: Das Dienstleistungszentrum 2 (DLZ 2). Das bereits gegenüber bestehende Dienstleistungszentrum (1) war bereits 1994 gebaut worden. Zunächst schien es im Sommer 2012, als könnten die Pläne in abgeänderter Form realisiert werden. Im Herbst 2013 kamen an der Planung jedoch Zweifel auf, da anscheinend ein Einbruch bei der Nachfrage an Büroflächen verzeichnet wurde. 

Presseartikel (nicht nur) aus dem Flensburger Tageblatt / sh:z: 
28.11.2013: "Neues Gesicht für den Neumarkt" (="Der Coup: Ein Hotel direkt am Rathaus") 
31.10.2013: "Kein weiteres Bürohaus am Flensburger Rathaus"(Flensborg Avis) 
21.09.2012: "150.000 Euro für Rathaus-Parkplatz
25.08.2012: "20-Millionen-Projekt. Ein neuer Nachbar für das Rathaus
09.08.2012: "20-Millionen-Projekt. Heftiger Disput über neues Bürohaus" (Tiefgarage nur auf einer Etage, da zwei Etagen lt. Architekt "zu teuer".
30.11.2011: "Hamburger Büro APB gewinnt Fassadenwettbewerb. Ziegel und Glas für neues Kontorhaus" ("Aus der ... geplanten Tiefgarage unter der asphaltierten Parkfläche wird ... aus Kostengründen nichts."
30.06.2011: "'Meilenstein am Neumarkt: Ausschuss für Theilen-Plan
17.06.2011: "Neubau am Rathaus - ein 'Glücksfall'?" ("Unter dem Neubau sollen auf zwei Etagen bis zu 200 Autos Platz finden."



Entwurf des Dienstleistungszentrums 2 am Rathaus                                   (c) Architekt Lorenzen


Die Planung wurde mehrfach verändert, da ursprünglich gegebene Zusagen nicht eingehalten wurden. Über zwei Stunden diskutierten die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt, Planung und Stadtentwicklung (SUPA) am 07.08.2012 über die Größe des Gebäudes und die Platzgestaltung sowie den Verlauf des unterirdisch verlaufenden Mühlenstroms: Das Gebäude sollte inzwischen nämlich zwei Geschosse höher ausfallen, als es der Bebauungsplan vorsah, an den sich die benachbarte Sydbank noch gehalten hatte; der Investor erachtete nun die eigentlich vorgesehene zweigestöckige Tiefgarage als "zu teuer" und wollte auch den Mühlenstrom verlegen. Die CDU-Fraktion gab sich investorenfreundlich und schlug vor, auf die Tiefgarage ganz zu verzichten und den Eingang zum Mühlenstromtal mit einer Parkpalette zu verschandeln.("20 Millionen. Heftiger Disput über neues Bürohaus; Flensburger Tageblatt, 09.08.2012) 

Schließlich konnte das Bauprojekt am 21.08.2012 im SUPA mit Vorlage SUPA-69/2012 in Gegenwart des Investors mit knappster Mehrheit beschlossen werden. Die Mehrheit für den Bau des DLZ 2 kam zustande durch die Enthaltung der Akopol-Fraktion, die überraschend von ihrer noch im November 2011 eifrig verbreiteten Skepsis gegenüber dem Bauvorhaben und Investor abgewichen war. Einst, noch außerhalb des Rates, gab sich Akopol "kritisch" gegenüber Ratsmitgliedern der CDU: 
"Dann kommen Sie auch nicht in die fatale Situation, zwischen ihrem Mandat und den Erwartungen der Investoren zu entscheiden. Besonders schlimm ist es, wenn Sie sich in dieser Situation für die Investoren entscheiden. Das ist Verrat an denjenigen Wählern, die Ihnen vertrauten."(Jörg P. im Mai 2008, siehe Zeitung #5 auf Seite 4). 


Ein "kluger Schachzug" bei der maßgeblichen Abstimmung war der Flensborg Avis aufgefallen (Flensborg Avis, 23.08.2012):



Das Tageblatt berichtete ebenfalls von der Entscheidung des SUPA, erwähnte aber nicht die entscheidende Stimme (Ein neuer Nachbar für das Rathaus; Flensburger Tageblatt, 25.08.2012).




  Exkurs: 

"Entscheidend ist der Antragstext" 
Zum Verhältnis von Antragstext & Begründung

Die Beschlussvorlagen gliedern sich in der Regel in Antragstext und Begründung. Die Umsetzung, d. h. was aus dem Beschluss praktisch folgen soll, bestimmt der Antragstext. Die Begründung hat die Funktion, die für eine Umsetzung sprechenden Argumente zu präsentieren und damit die Stimmberechtigten oder/und auch die Öffentlichkeit von der Funktion des Antrags und ggf. auch von dessen Vernunft zu überzeugen. Anders gesagt: Die Begründung ist ein Beiwerk des Antrags, der Ausdruck des politischen Willens ist. Vorstellbar ist auch, dass ein Wille, der für alle etwas Gutes will, schlecht begründet wird. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar. 

Gelegentlich ist die Begründung eines Antrags äußerst umfangreich. Insbesondere bei Bauvorhaben kann der Antragsteller ein Vorhaben entweder oberflächlich oder auch sehr detailliert begründen. 

In der Begründung der Vorlage SUPA-69/2012 etwa wird als Ausgleich für den Verzicht einer ursprünglich zugesagten zweiten Tiefgaragenebene ein Freianlagenwettbewerb über die Gestaltung der Freianlagenplanung entscheiden, die - natürlich - in "ein gut gestaltetes Umfeld" entwickelt werden soll. - "In was auch sonst?", möchte man fragen. 

Die positive Absicht des "gut gestalteten Umfelds" ist der Auftakt für eine Architektenlyrik, mit der ein Funktionszusammenhang sprachlich wertschätzend eingekleidet wird, da ein "urbaner Stadtplatz nicht entstehen wird", wo das DLZ 2 gebaut werden wird.
Der Freianlagenwettbewerb soll eine "ansprechende Funktionsbeziehung" entwickeln, bei der Raum- und Wegefolgen "städtebaulich interessant" wirken. Außerdem soll er eine "Anpassung des Gebäudeüberganges am Platz vor dem Südeingang des Rathauses" erzielen, und nicht zu vergessen: Die "gestalterische Bewältigung des Überganges zur Rote[n] Straße und zum Platz der Gärtner" vollziehen. 
Eine "Funktionsbeziehung", die "ansprechend" und "städtebaulich interessant" wirkt sowie die "Anpassung des Gebäudeüberganges" neben einer "gestalterischen Bewältigung des Überganges" werden noch übertroffen vom "Nachweis hoher Aufenthaltsqualität". Auf das Messverfahren darf man gespannt sein, wenn es denn nicht nur im Auge des Betrachters liegt. Auch die Aufenthaltsqualität von Fahrzeugen sollte nicht vergessen werden. Deshalb soll der Wettbewerb eine "funktionale und gestalterische Integration der Tiefgaragenzufahrt" erreichen für die "hochwertige Integration von 119 Parkplätzen". Die besondere Qualität der "Integration der Tiefgaragenzufahrt" und "von 119 Parkplätzen" resultiert nicht aus Wissenschaft, sondern aus Wettbewerb. Man darf und soll sehr gespannt sein, was am Ende herauskommt. 
Zusätzliche Begründungsmühe wird dem Verschwinden ursprünglicher Parkplätze und ihrer Kompensation gewidmet: "multifunktionale Nutzungsmöglichkeiten [weiterer Parkplätze] sollten nachgewiesen werden. Dies betrifft nicht nur temporäre Nutzungen durch zeitweise oder teilweise[sic!] Sperrung des Parkplatzes, sondern auch eine entsprechende Dauernutzung, wenn durch veränderte Anforderungen[?] an den Stellplatzbedarf oder attraktive[?] Ergänzungen im Umfeld[?] des Rathausplatzes die oberirdische Parkplatznutzung dauerhaft reduziert[?] oder aufgegeben wird." - Wer etwas Bestimmtes will, konkretisiert es, oder lässt es so unbestimmt, dass ihm zukünftig ein Rückgriff auf die ausführliche Begründung als Planungsabsicht möglich sein wird. Schließlich soll der Freianlagenwettbewerb eine eigentlich aufgegebene Option am Leben halten: "Der Bau des Querriegels sollte als Option erhalten bleiben..." will die Begründung bzw. ein Grundziel des Freianlagenwettbewerbs die Voraussetzung für eine spätere, zusätzliche Bebauung offen halten. 

Planungschefs haben der Politik immer wieder versichert, dass die Politik entscheiden müsse, zuletzt Dr. Schroeders: „Wir sind Entscheidungsvorbereiter. Am Ende bestimmt die Politik.“("Dran bleiben - dran bleiben!"; FL Journal, Januar 2013) 

Nur: Welche Entscheidungsvorbereitung verbirgt sich in der lyrischen Darstellung eines Bauvorhabens? Eine ansprechende Funktionsbeziehung zwischen der Roten Straße und dem Neubau ist nicht erkennbar.