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Insolvenz 'Aqua Vital'

Der Oberbürgermeister hat kurz nach der Insolvenz von Bad-Betreiber Aqua Vital GmbH (Wolfgang Tober, Minden) eine Lenkungsgruppe der Ratsfraktionen einberufen, die sich mit der Zukunft des Campusbades befasste.("Campusbad: Faber und Commerzbank im Gespräch"; Flensburger Tageblatt, 08.12.2012) Die Lenkungsgruppe erzielte ein Ergebnis, dass im Februar bekannt gegeben wurde (siehe Schlagzeilenübersicht): Die Stadtwerke Flensburg sollen Bad-Betreiber werden.

Allmählich bekannt geworden war das Firmengeflecht, das Wolfgang Tober zur Erledigung seiner Aufträge gewoben hatte.



20.11.2012 

Insolvenzmeldung von Betreiber "Aqua Vital"(Tober)  

Am 20.11.2012 erklärte der Betreiber des Campusbades - die Aqua Vital GmbH, vertreten durch Wolfgang Tober - sich für nicht zahlungsfähig. Wieder machte das Campusbad Schlagzeilen. 

Zur Erinnerung: Die Presse berichtete bereits im Mai 2011, was Betreiber Wolfgang Tober dem Hauptausschuss der Stadt Flensburg zu berichten hatte: 
"Von angepeilten 200.000 Besuchern (gesamt) waren im ersten Jahr tatsächlich nur 134.000 gekommen - wobei der seinerzeit gegen Glücksburger und andere Widerstände eingebaute Spaßfaktor besonders enttäuschte. Im Spaßbadbereich hatte Tober 150.000 Gäste veranschlagt, das Ziel erreichte er nicht einmal zu 50 Prozent. Gerade 74.000 Gäste wollten auf dem Campus ihren Badespaß haben. Und als ob das alles nicht schlimm genug wäre, setzte Tober noch ein saures Sahnehäubchen obendrauf: Die Besucher-Zielvorgabe, eine der wichtigsten Größen in der betriebswirtschaftlichen Darstellung, war willkürlich aus der Luft gegriffen
Auf Befragen musste Tober einräumen, diese Zahlen habe er nicht ermittelt, die habe er nur geschätzt. Dabei hätte er eigentlich wissen müssen, das geschätzte Zahlen gewisse Risiken in sich bergen. Im März 2008, als die Ratsversammlung mit der Mehrheit von CDU, SSW, Grünen und Teilen der SPD einen letzten verzweifelten Versuch der FDP abblockte, das Ausschreibungsverfahren wieder auf Null zu stellen, taumelte die Lagune Cottbus schon der Insolvenz entgegen. Die Lagune Cottbus war stets als Referenzprojekt angepriesen worden, aber auch sie geriet zunehmend in den Sog zwischen geschätzten und tatsächlichen Besucherzahlen. Nach nicht einmal zwei Jahren war sie mit mehr als 500.000 Miesen pleite, die Stadt Cottbus hat sie seither als Sorgenkind am Hals. Betreiber bis zum Insolvenzantrag: Wolfgang Tober, der das Bad - wie in Flensburg auch - mit dem Finanzdienstleister Commerzreal als privat-öffentliches Projekt errichtet hatte."("Besucherzahlen unter den Erwartungen. Campusbad: Das kalte Entsetzen"; Flensburger Tageblatt, 28.05.2011; Hervorhebungen WiF


Wie beurteilte die Verwaltung(sspitze) der Stadt Flensburg die Situation? Anders als die Ratsfraktionen hatte sie exklusiven Einblick in die ÖPP-Verträge und verfügt über eine Rechtsabteilung, während sie den Fraktionen juristische Beratung verwehrt; gleichzeitig ringen die Fraktionen wochenlang um vergleichsweise geringe Zuschüsse in den Bereichen Soziales und Kultur: 
"...sagt Kämmerer Henning Brüggemann, die im Ausschuss genannten Zahlen seien kein Drama, sondern lediglich eine 'Problemanzeige' und er sagt, dass Flensburg kein Risiko trägt, weil Commerzreal während der nächsten 25 Jahre den Betreiber stellen muss. Aber auch das ist in dem Augenblick Makulatur, in dem Commerzreal die für das Campusbad gegründete Tochtergesellschaft in die Insolvenz schickt, weil sie den Kapitaldienst nicht erwirtschaftet. Für diesen Fall, so Brüggemann, könnte die Stadt noch eine Bürgschaft ziehen, die es ihr ermögliche, das Bad weiter zu betreiben. Die Rede ist von (unbestätigten) 500.000 Euro und Brüggemann räumt ein: 'Die Bürgschaft ist natürlich irgendwann aufgebraucht.'"(a.a.O.) 


Nachfolgend die Pressemitteilungen des Betreibers und der Stadt zur Insolvenz am 20.11.2012: 

Presseerklärung der Aqua Vital GmbH  

Die Aqua Vital GmbH, Betreiberin des Campusbades, hat einen Insolvenzantrag stellen müssen. Grund des Insolvenzantrages sind die gesetzlichen Bestimmungen, wonach ein Unternehmen unverzüglich Antrag stellen muss, wenn die Zahlungsunfähigkeit eingetreten ist. 
Es ist mitzuteilen, dass Verhandlungen mit der Stadt Flensburg sowie mit der CommerzReal AG als Eigentümerin des Campusbades gescheitert sind.
Die Gründe der Insolvenz sind vielfältig. Letztendlicher Auslöser ist ein Schreiben der Stadt Flensburg, vertreten durch den Oberbürgermeister Simon Faber, in dem er unter dem Datum 16.11.2012 ein weiteres Stundungsbegehren abgelehnt hat.
Hierzu ist zunächst auch festzuhalten, dass nach Auffassung der Aqua Vital die Stadt Flensburg Nachverhandlungen im Zusammenhang mit dem abgelaufenen Vertrag über die Schul- und Vereinsnutzung nicht ermöglicht hat. Hieraus sind der Aqua Vital in großem Umfang Gelder vorenthalten worden.
Weiter ist festzuhalten, dass das Campusbad ohne entsprechende Zugeständnisse der Stadt Flensburg insbesondere durch die Nutzung des Schul- und Vereinssportes nicht rentabel wirtschaften kann. Grund ist hier insbesondere die immens gestiegenen Energiekosten in den vergangenen Jahren, die eine kostendeckende Betreibung des Bades in der derzeitigen Konstellation nicht möglich machen, da aufgrund der vertraglichen Bestimmungen zwar die CommerzReal AG als Gesellschafterin der Marbana KG über die Stadt so genannte “Management Fee” ebenso erhält, wie eine Vergütung für das Gewährleistungscontrolling. Diese Zahlungen an die Marbana KG bzw. über die Marbana KG an die CommerzReal AG wurden und konnten nicht weitergeleitet werden an die Betreiberin, die Aqua Vital GmbH.
Lösungsvorschläge wurden der Stadt Flensburg unterbreitet. Hierbei ging es insbesondere um die Übernahme der Marbana KG und die Zurverfügungstellung der vorbezeichneten Gelder der Stadt Flensburg direkt zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes.
Bereits Ende des Jahres 2011 und mehrfach zu Beginn des Jahres 2012, unter anderem durch anwaltliche Schreiben im April 2012, ist die Stadt Flensburg über die Situation hingewiesen worden. Die Stadt Flensburg wurde auch darauf hingewiesen, dass im Falle einer Insolvenz diesen nach Dafürhalten der Aqua Vital GmbH und sämtlicher involvierter Berater insbesondere auch für die Steuerzahler die schlechteste Lösung darstellt.
Ob die Stadt Flensburg einen Rechtsanspruch auf die zur Sicherheit gestellten 500.000,00 € hat, wird ein kommender Insolvenzverwalter zu entscheiden haben. Auch wird dieser entscheiden müssen, ob der Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten werden kann. Die Aqua Vital GmbH wird den Geschäftsbetrieb vorerst fortführen, bis es zu einer Entscheidung gekommen ist. Die Aqua Vital hat alles unternommen, um hier eine für den Steuerzahler und für die Stadt Flensburg bestmögliche Lösung zu erarbeiten und die entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Die Verantwortung wird zukünftig bei der Stadt Flensburg oder bei einem von der Stadt Flensburg neu zu suchenden Betreiber liegen. Ob ein Betreiber bei der Kostensituation, die nicht verringert werden kann, gefunden werden wird, bleibt jedoch abzuwarten.
Zu betonen ist an dieser Stelle nochmals, dass die Aqua Vital GmbH und insbesondere ich als Geschäftsführer der Gesellschaft alles unternommen habe, um die Betreibergesellschaft zu retten. Letztendlich sind mir als Geschäftsführer der Aqua Vital GmbH jedoch die Hände gebunden.

Minden / Flensburg, 20. November 2012
Wolfgang Tober



Stadt Flensburg setzt weiter auf Vertragstreue
Insolvenz des Campusbadbetreibers 
(Pressemitteilung der Stadt Flensburg) 

Die Stadt Flensburg ist heute darüber informiert worden, dass der Betreiber des Campusbades, die Aqua Vital GmbH, am heutigen Tage Insolvenz angemeldet hat.
So sehr wir diesen Schritt bedauern, steht für uns der weitere Betrieb und die Zukunft des Campusbades als wichtiger Teil der Daseinsvorsorge für die Bürger der Stadt sowie für die Schulen und Vereine, die im Campusbad regelmäßige Gäste sind, im Mittelpunkt der zukünftigen Handlungen.
Diese begründen sich vor allem darauf, dass die Stadt zur Sicherstellung des Betriebes des Campusbades einen PPP-Vertrag mit potenten Partnern geschlossen hat. Diese sind die MARBANA KG sowie die Commerz Real AG, die zur Commerzbank-Familie gehören. Der Vertrag läuft über 25 Jahre und bietet der Stadt weitgehende Planungssicherheit. Dieses war einer der ausschlaggebenden Gründe für den Abschluss.
Die Stadt Flensburg ist ihren Verpflichtungen nachgekommen, die sich aus dem PPP-Vertrag ergeben. Die erheblichen Nachforderungen des von der MARBANA eingesetzten Betreibers entsprechen nicht dem Geist des Vertrages. Ein “weiter so” konnte es aufgrund der inzwischen aufgelaufenen, erheblichen Rückstände der Aqua Vital GmbH gegenüber der Stadt nicht geben. Dieses wäre weder aus finanziellen noch aus vertraglichen Aspekten zu verantworten gewesen.
Die Stadt wird sich weiterhin um eine tragfähige Lösung bemühen, die im Interesse der Badnutzer, der Mitarbeiter und des Haushaltes der Stadt Flensburg liegen. In diesem Sinne sind mit unseren direkten Vertragspartnern Gespräche zu führen und die Verpflichtungen, die im Rahmen des PPP-Vertrages gegenüber der Stadt bestehen, sind nachdrücklich einzufordern.
Die Gestellung eines neuen Betreibers liegt nun in der Hand der MARBANA KG bzw. der Commerz Real AG.

Clemens Teschendorf, Pressestelle des Rathauses, Stadt Flensburg



01.11.2012

Die Verwaltungsspitze versuchte, die Kooperation mit Betreiber Tober fortzusetzen und ließ für den 29.10.2012 eine Ratsversammlung einberufen, der sich die Fraktionen mehrheitlich verweigerten. Die WiF-Ratsfraktion forderte eine neue Expertise ein, damit die Politik alle Konsequenzen des bestehenden ÖPP-Vertragsmodell erfassen kann. Im Folgenden der Pressetext sowie unserer Text zur ins Wasser ausgefallenen Ratsversammlung:  

Campusbad: Neue Expertise erforderlich
(Zur Debatte im nächsten Hauptausschuss am 06.11.2012)

Das von der Verwaltung vorgelegte "Modell einer zweiten Chance für Aqua Vital Tober" akzeptieren wir nicht. Die bestehenden Probleme werden damit nicht dauerhaft gelöst, sondern nur übergangsweise verschleiert. Nach einer ersten, großen Fehlplanung darf es jetzt keine zweite geben.

Darum fordern wir, dass vor einer neuen Entscheidung in Bezug auf die Zukunft des Campusbades zunächst ein auf die Planung und Analyse von Schwimm- und Spaßbädern spezialisiertes Unternehmen eingeschaltet wird, das die Probleme des Betriebes und die Zukunftsstrategie des Campusbades darstellt. 
Dazu haben wir einen qualifizierten Vorschlag gemacht: Es gibt Firmen, die für zahlreiche Kommunen tätig sind und Erfahrungen mit ÖPP-Modellen haben. Verwaltung und Politik haben wir von dieser Option berichtet – geschehen ist bisher nichts. 

Außerordentlich hat uns irritiert, dass die Verwaltung stattdessen wieder jene Rechts- und Steuerberatungsfirmen in die „Rettungsplanung" einbezogen hat, die bereits für die Rahmenbedingungen des Vertragskonstruktes um das Campusbad verantwortlich sind – Und die Beratung heute ohne jede Abstimmung mit der verantwortlichen Politik. 

Das gegenwärtig dargestellte Horrorszenario: die zeitweilige Schließung des Campusbades ist unwahrscheinlich. – Warum? Eine deutsche Großbank, die Commerzbank, ist über eine Tochter, die MARBANA, vertraglich mit der Stadt verbunden. Sie dürfte alles tun, um zusammen mit Politik und Verwaltung eine ordentliches Übergangskonzept und eine gute, dauerhafte Zukunftslösung zu finden.

Zur ins Wasser gefallenen Ratsversammlung (01.11.2012)
Campusbad: Die im Takt der Verwaltung tanzen  
Mit verkürzter Ladungsfrist von nur 5 Tagen wollte die Verwaltung am 24.10.2012 die Ratsversammlung bereits am 29.10.2012 zum Campusbad beschließen lassen; das misslang gründlich, weil bereits 2 Tage nach der Einladung mehr als ein Drittel der Ratsmitglieder widersprochen hatte (gemäß Gemeindeordnung S.-H. § 34 Abs. 3). 


Sehr eilig war das Bemühen der Verwaltung, eine Sondersitzung der Ratsversammlung zu bekommen, um doch noch ein grünes Licht für die Weiterarbeit mit dem Campusbadbetreiber Wolfgang Tober zu erhalten. Das ist auch verständlich, würde doch bei dessen Insolvenz und einer eventuellen zeitweiligen Schließung des Bades die Frage nach den Verantwortlichen auf den Tisch kommen. Wer sind die denn eigentlich? Sind es die Politiker? 

Nicht wirklich. Zwar haben diese die politischen Beschlüsse zum Bau des Bades gefasst, aber für die vertragliche Umsetzung oder die wirtschaftliche Kalkulation des Betreibers waren sie nicht verantwortlich – und genau hier liegen ja die aktuellen Probleme. Es waren Oberbürgermeister Tscheuschner, die Justiziarin, der Kämmerer und weitere Verwaltungsmitarbeiter samt der externen Anwälte und Notare, welche das abstruse ÖPP-Vertragswerk ausgestaltet und unterschrieben haben. Sie tragen die Verantwortung – und damit das nicht auf den Tisch kommt, will man natürlich, dass alles irgendwie weiterläuft und vor allem nicht an die Wand fährt. Zur Not auch mit noch mehr Steuergeldern finanziert. 

Aber warum machen CDU und SSW dieses Spiel mit? Warum wollen sie ebenfalls noch mehr Geld in einem unübersichtlichen und anscheinend unwirtschaftlichen Vertragswerk versenken? Als die Verwaltung immer wieder betont hat, dass die Verträge sicher sind und auch eine Betreiberinsolvenz für die Stadt kein Risiko darstellt, haben sie es – trotz unserer Bedenken – gerne geglaubt. Jetzt argumentiert die Verwaltung mit dem großen Risiko für die Stadt und widerlegt damit ihre eigene Glaubwürdigkeit. CDU und SSW glauben ihr aber auch jetzt, ohne anscheinend den Widerspruch zu bemerken. 

Vielleicht liegt es ja an den kommenden Kommunalwahlen. Die WiF hat von Anfang an gesehen und deutlich gemacht, dass das Modell Campusbad nicht funktionieren und wesentlich teurer sein wird. Wenn jetzt tatsächlich eine Insolvenz eintreten würde, hätte die WiF recht gehabt – und das könnte ja Wählerstimmen kosten. Da ist es doch naheliegend, alles zu tun, damit es möglichst nicht vor der nächsten Wahl zu diesem Fall kommt. Man erinnere sich, dass vor fünf Jahren der damaligen Ratsversammlung die Flensburger Sparkasse um die Ohren geflogen ist. Und das damalige Wahlergebnis ist nur allzu bekannt.





11.10.2012 

Intransparenz  
in dem nur schwer nachvollziehbaren ÖPP-Vertragskonstrukt zum Campusbad entdeckte das Flensburger Tageblatt am 11.10.2012Zitat: „Dass von den rund 1,4 Mio. Euro, die Flensburg jährlich für die Finanzierung abstottert, 300.000 Euro gleich wieder an die Commerz-Real-Tochter ‚Marbana’ zurückfließen, hatte ihnen [den Ausschussmitgliedern] niemand gesagt.“("Tobers Zukunft auf Messers Schneide"; Flensburger Tageblatt, 11.10.2012) 
Dabei hatte doch der damalige Oberbürgermeister Tscheuschner versichert: Es gibt Kritiker, die behaupten, das neue Bad kostet 35 Millionen (Anm. der Redaktion: 25 Jahre lang 1,4 Millionen Euro Zuschuss pro Jahr an den Betreiber = 35 Mio.). Wenn man davon ausgeht, dass das alte Bad in diesem Zeitraum 25 Millionen kostet, dann habe ich eine ganz andere Aussage. Nämlich die, dass ich für die Differenz von zehn Millionen etwas ganz Neues bekomme, was insbesondere dem Schulsport zu Gute kommt.("99 Prozent Arbeitskraft für Sparkasse"; Flensburger Tageblatt, 30.12.2008) 



04.10.2012 
 
"Anwalt droht mit sofortiger Insolvenz" 
spitzt das Flensburger Tageblatt am 04.10.2012 die Nachrichtenlage zum Campusbad zu. 

Man erfährt von einem Interessengegensatz innerhalb der kommunalen Selbstverwaltung: "Ganz anders als die Verwaltung ist die Politik zu großen Teilen nicht bereit, Investor Commerzreal aus seinen Verpflichtungen zu entlassen, indem man dem Verkauf der örtlichen Tochtergesellschaft Mabana an Campusbad-Mieter Wolfgang Tober zustimmt." 
Das Campusbad wirft sogar dort Fragen auf, wo eigentlich Klarheit herrschen müsste: Bei Juristen. "Ja, sagt Frank Markus Döring, Fraktionsvorsitzender der CDU. Investor Commerzreal ist verpflichtet, 25 Jahre lang den Betrieb des Campusbades zu garantieren. Die Crux ist nur: Was, wenn nicht nur Betreiber Wolfgang Tober mit seiner Firma Aqua Vital pleite geht? Was, wenn Commerzreal ihre Tochter Mabana in die Insolvenz führt, in der die Betriebsverpflichtung eingekapselt ist? Die Konstellation macht Döring Sorgen." - Hat Dr. Döring, der stud. Jurist, jenem Vertragskonstrukt nichtöffentlich zugestimmt?!  

Private Kalkulation sticht öffentliches Verwaltungshandeln
"In diesem Zusammenhang stößt nicht nur dem SPD-Politiker sauer auf, dass die jetzt zu Tage tretenden Probleme der professionellen Begleitung offenbar entgangen sind. "Dass von unserem Finanzierungsbeitrag in Höhe von 1,4 
Millionen jährlich 200.000 von der Bayrischen Landesbank intern wieder der Mabana, also Commerzreal, überwiesen werden, halte ich für hochproblematisch. Davon hat uns niemand etwas erzählt", so Helgert [SPD]. Auch das fehlende Ausstiegsszenario hält er für einen handwerklichen Fehler. Die Stadt hat bei Scheitern des Modells offenbar keine Möglichkeit, das Bad selbst zu betreiben, ohne gigantische Steuerforderungen fürchten zu müssen."
Wer hat den Vertrag entworfen, wer hat ihn geprüft und wer hat ihn Anderen zur Abstimmung vorgelegt? Welches Material lag den Abstimmungsunterlagen bei? Wer hat das Material zusammengestellt?  

Weiter schreibt das Tageblatt: "Diese Position teilt der SPD-Mann mit der CDU. Döring: "Uns hat man es immer so dargestellt, dass wir die große, potente Commerzreal als Partner haben. Dabei war es nur eine popelige Tochter." Dass die renommierte Beratungskanzlei der Stadt dies übersehen hat, halte er, zurückhaltend ausgedrückt, für "erstaunlich". - Je mehr Beteiligte (CommerzReal, Marbana, Bayrische Landesbank, Beratungskanzlei, Aqua Vital), umso unübersichtlicher das Vertragskonstrukt. Ist es wahrscheinlich, dass einer der Beteiligten daran beteiligt ist, weil er auf Verluste hofft, die er als Abschreibungen in die Bilanz buchen möchte? 
Und wie steht es eigentlich mit der Haftung jener "Beratungskanzlei"? Kann eine Kanzlei beraten, ohne für das Resultat der Beratung haften zu müssen? Wozu bedarf es dann überhaupt einer "Beratung"? 

    
Manchmal muss man persönlich Hand anlegen, wenn sich etwas rentieren soll: Der Spatenstich zum Campusbad am 21.11.2008.


PS: Wie steht es in diesem Zusammenhang der Verwaltung zu Gesicht, dass sie den Fraktionen die Möglichkeit verwehrt, die ihnen haushaltlich zugewiesenen Mittel für eine unabhängige Rechtsberatung zu verwenden? 



27.09.2012 

"Verhandlungen am Rande des Ruins" 

weiß das Flensburger Tageblatt am 27.09.2012 von der Beratung im Hauptausschuss (25.09.2012) zu berichten und stellt fest: "Das Betriebskonzept des Campusbades Flensburg als Public Private Partnership ist gescheitert." 

Das wohlklingende Privatisierungskonstrukt "Private Public Partnership" (PPP, auf deutsch: ÖPP) sei "gescheitert"? - Aber für wen eigentlich? 
  1. Die Besucher: Die müssen sich "auf steigende Preise einstellen".
  2. Die Stadt Flensburg: Für sie wird es ebenfalls "teurer", denn "eine Insolvenz des Badbetreibers birgt für die Stadt enorme Risiken".
  3. Aqua Vital, die Firma von Betreiber Wolfgang Tober: Sie stehe angeblich kurz vor der Insolvenz.
  4. Marbana, die Briefkastenfirma der CommerzReal: Sie ist eine GmbH der Bank ohne persönliche Haftung. 
  5. CommerzReal: Sie belasse "immerhin" alle flüssigen Mittel bei der Betreiberfirma. 
  6. Die Hamburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft: Sie hat bei der Einrichtung des PPP-Vertrages beraten und erhalte nun "eine zweite Chance"(Bürgermeister Brüggemann). 
  7. Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner, der an der Entscheidung für PPP maßgeblich beteiligt war: Er ist bereits weg. (siehe: WiF-Zeitung #08, S.8
Die Mitglieder der Ratsversammlung, die das Campusbad im März 2008 noch vor der Kommunalwahl 2008 mit vergleichsweise knapper Mehrheit auf den Weg brachten, konnten seinerzeit nicht alle Details des Vertrages überblicken, sofern er ihnen denn überhaupt vorlag. PPP-Verträge sind so aufgesetzt, dass sie derart umfangreich sind, dass sie gerade nicht transparent sein können. Das ist ihr Zweck. Würde sich ein solcher Vertrag aber nicht für eine Vertragspartei rentieren, dann würde sich niemand den Aufwand machen, ein solch differenziertes Vertragskonstrukt zu entwerfen. 

"Gewinngarantien für Privatunternehmen und Staatshilfen für Banken sind zu Staatsgeheimnissen geworden" (Werner Rügemer), weil die politischen Vertreter die Verträge, über die sie entscheiden, immer weniger kennen. (aus: "Das Flensburger Campusbad, ein Beispiel für Privatisierung, WiF-Flugblatt vom 01.05.2010) Zu den Kosten und "Nebenwirkungen" des Campusbades siehe auch unser Flugblatt vom 22.02.2010

Reden beim Spatenstich des Campusbades am 21.11.2008. Es spricht Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner, flankiert von ÖPP-Partner Wolfgang Tober. 





Ein "Campusbad" ohne Campus-Kooperation
"Campus" beschreibt zwar den Ort, nicht aber den Inhalt

Neben der undurchsichtigen Vertragskonstruktion mit vielen, verdienstorientierten Beteiligten sind zwei der sportpolitischen Fehler des Flensburger Campusbades: 
1. Mit dem nur 400 Meter entfernten Sportzentrum der Universität, das auch Sportstudenten ausbildet, bestehen weder eine Kooperation noch gemeinsame Projekte; 
2. Ein Schwimmbad, das den Namen des Campus nutzt, aber keinen Studententarif bewirbt. Die Studierendenvertretungen können sich an keine Werbung erinnern. 


 Eine sportpolitische Absurdität                                            Flensburger Tageblatt, 20.04.2010



Zwei Jahre zuvor bestanden Hoffnungen: "Sportbad mit Uni-Erweiterung" berichtete das Flensburger Tageblatt am 22.01.2008, knapp zwei Monate vor dem Ratsbeschluss. 

Sportbad mit Uni-Erweiterung

Sieben 50 Meter-Bahnen und drumherum ein modernes Sport-Dienstleistungszentrum - das sehen die Pläne eines der beiden verbliebenen Investoren für das neue Hallenbad vor. Die Universität durfte mit planen.

Flensburg/sh:z/Holger Ohlsen

In der nächsten Ratsversammlung werden die Weichen gestellt: Ein namhafter, bundesweit tätiger Investor und ein regional mindestens ebenso namhafter bewerben sich noch um den Bau des Flensburger Sportbades. Dass es gebaut wird, steht für Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner außer Zweifel. Unzweifelhaft ist auch, dass Flensburgs neues Bad auf dem Campus errichtet wird. Und ganz klar ist, dass die Uni Flensburg diese Investition in die Infrastruktur des Campus’ begrüßt.

Dr. Thorsten Ohldag zum Beispiel. Der Chef des Sportzentrums der Universität knüpft große Hoffnung besonders an einen der beiden Entwürfe, denn er beinhaltet nicht nur ein Wettkampf-taugliches Sportbad, sondern auch die Lösung seiner Platznöte. "Wir stoßen hier nur zweieinhalb Jahre nach Eröffnung des Sportzentrums an unsere Grenzen", sagt Ohldag. "Wir hatten in jedem Fall vor zu erweitern. Da käme uns diese Lösung sehr gelegen."

Die lokale Investorengruppe war - als einzige von ursprünglich 18 - frühzeitig an die Universität heran getreten und hatte nach deren Wünschen gefragt. Die Nachfrage zog eine enge Kooperation nach sich, denn die Uni hatte an einem Teilaspekt des Unternehmens Sportbad ein vitales Interesse. "Wir sind zwar erst vor zweieinhalb Jahren eingezogen, aber wir platzen mit dem Sportzentrum aus allen Nähten", sagt Ohldag. Intern habe die Uni bereits eigene Neubaupläne gewälzt - sollte jedoch der lokale Investor als Sieger aus dem Wettbewerb hervorgehen, sei das aus Sicht der Universität sicher ein Vorteil. Das Institut für Bewegungswissenschaften und Sport mit seinen rund 300 Studierenden würde in Form eines deutlich größeren Platzangebotes profitieren. Übungshalle, Atrium und das - öffentlich zugängliche - Fitness-Zentrum brächten es zusammen auf 1400 Quadratmeter. Im Moment findet Aktion auf lediglich 400 Quadratmetern statt - und das mit 2000 Besuchern monatlich. "Klar, dass sich die Universität da freut", sagt Ohldag.

Er hofft, dass Flensburg sich politisch durchringt und diese neue Einrichtung baut. "Das wäre nicht nur für die Universität gut, das ist ein echtes Leuchtturm-Projekt für die ganze Stadt", so Ohldag. Wettkampf-schwimmbecken, Sportzentrum der Uni, Fitness, Sauna, Gastronomie mit Außenterrasse wären für den gesamten Campus eine Aufwertung - und Eingemeindung zugleich. "Es gibt Leute, die waren noch nie auf dem Campus. Das dürfte sich dann bald ändern."

"ein echtes Leuchtturm-Projekt für die ganze Stadt" - so die berechtigte Hoffnung von Dr. Thorsten Ohldag am 22.01.2008. 


Nah und doch weit entfernt: Campusbad und Hochschulen


Als am 21.11.2008 der Spatenstich für das Campusbad erfolgte, stand der Leiter des Uni-Sportzentrums der studentischen Campuszeitung für ein Interview zum Campusbad nicht zur Verfügung. 
Das neue Campusbad würde mit dem etablierten Hochschulsport keine gemeinsame Schnittmenge haben. Trotz des Baubeginns für ein neues Schwimmbad bestand nur wenig Grund zur Freude

OB Tscheuschner erwähnte zwar die Nähe zu den Hochschulen, aber Vertreter beider Hochschulen waren zu dem Spatenstich nicht anwesend. Vergessen hatte er die Möglichkeiten des Campus aber nicht, wie in einem Interview am 30.12.2008 deutlich wurde.  

Frage: Beim Thema Campusbad steht nach wie vor die Kritik im Raum, dass es zu teuer ist für die Stadt.
Antwort: "Es gibt Kritiker, die behaupten, das neue Bad kostet 35 Millionen (Anm. der Redaktion: 25 Jahre lang 1,4 Millionen Euro Zuschuss pro Jahr an den Betreiber = 35 Mio.). Wenn man davon ausgeht, dass das alte Bad in diesem Zeitraum 25 Millionen kostet, dann habe ich eine ganz andere Aussage. Nämlich die, dass ich für die Differenz von zehn Millionen etwas ganz Neues bekomme, was insbesondere dem Schulsport zu Gute kommt. In dem alten Bad muss Schulschwimmen schon morgens vor 7 Uhr stattfinden - das ist für die Kinder und Jugendlichen unzumutbar! Wir haben sehr erfolgreiches Vereinsschwimmen, und mehr als die Hälfte der Nutzungszeit ist diesen Vereinen, ist Jugend-Schwimmen und Schulschwimmen vorbehalten. Dieser Klientel helfen wir mit dem neuen Bad. Dazu kommt die Stärkung des Campus’. Wenn man die Sportlehrer-Ausbildung für Schleswig-Holstein hier in Flensburg macht, dann gehört das Schulschwimmen auch dazu."("99 Prozent Arbeitskraft für Sparkasse"; Flensburger Tageblatt, 30.12.2008)