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Frischluftschneisen

Ob bei Stadtteil- oder Bauplanung: Einem Argument, das für oder gegen eine Planung spricht begegnet man immer wieder: Den "Kaltluftschneisen" oder "Frischluftschneisen", welche bewahrt werden müssten. Luft ist für den Betrachter nur selten sichtbar, deshalb ist es für unser Mitglied Elmar Westphal an der Zeit, den Hinweisen nachzugehen und Verborgenes zu entdecken. 


30.03.2013
Meine Suche nach dem Geheimnis der Frischluftschneisen
Eine Entdeckungsreise durch die landschaftlichen Besonderheiten der Förde 

Flensburg ist eine Stadt am Wasser, fast am Meer sogar. Flensburg ist eine Stadt im Grünen, umgeben von Wald und Feld. Weit und breit keine Großstadt, weit und breit keine schmutzigen Industrien.
Die meiste Zeit werden wir von frischen Westwinden durchgepustet. Gelegentlich, besonders im März, wie auch in diesem Jahr, bläst ein kalter NO bis in den innersten Fördewinkel hinein. Wind, Wind, Wind, für viele des Guten zu viel.

Aber sonderbar, immer wieder hört man von der Bedeutung der Frischluft- oder Kaltluftschneisen und der Frischluft- oder Kaltluftentstehungsgebiete. Diese Gebiete und Schneisen müssten unbedingt offen gehalten werden, sagt man, offenbar damit die Frischluft vom Stadtrand das andere, das zentrale Frischluftgebiet, die Förde erreicht. Dort, wo andere Städte die größte Wärmeentwicklung und Luftbelastung haben, liegt bei uns eine große Wasserfläche: die Förde, die im Hochsommer höchst selten einmal 20°C erreicht. Der Neckar in Stuttgart oder die Fulda in Kassel bringen da vergleichsweise wenig Erfrischung in die Kessellage jener Städte.

Bei uns müssen gut erschlossene Felder innerhalb der Stadt, z. B. an der Ringstraße zwischen Tarup und Sünderup von Bebauung freigehalten werden wegen der Frischluftideologie. 
Nun steht der arme Bus der Linie 5 da, ganz allein und leer an der wunderbar ausgebauten Endstation im Feld, im Winter auf öder, leerer Fläche, im Sommer umgeben von Mais oder Weizen - und weiter gebaut wird draußen am Stadtrand, und dazwischen, jenseits des Bahndamms, wird wieder ein großer, breiter Feldstreifen erschlossen, aber wieder unbebaut gelassen wegen der Grünringideologie. Ob Weizen und Mais im Wechsel angebaut werden wird, ist noch nicht abzusehen. Als Grünfläche würde sie dem TBZ zur Pflege zufallen, aber das TBZ sträubt sich aus Kostengründen doch jetzt schon gegen Erschließung und Erhalt der für die Bürger viel wertvolleren Kerbtäler zur Förde.

Dem Widerspruch zwischen empfundener Flensburger Frische und der Betonung der anscheinend notwendigen systematischen Frischluftzufuhr musste ich nachgehen.

Im reichlichen Material zu diesem Thema, das ich freundlicherweise vom Fachbereich 6 der Stadtverwaltung (FB 6) erhielt, konnte ich dann feststellen, das viele Ergebnisse schematisch von anderen Gebieten auf Flensburg übertragen worden waren. 
Besonderheiten Flensburgs, die morphologische Tallage und die Nähe zur Ostsee mit der Förde mitten in der Stadt werden additiv genannt, obgleich sie entgegengesetzt wirken. 
Messwerte über innerstädtische Windstärken sind so gut wie gar nicht enthalten. Sie seien wegen ihrer ständigen Wechsel zu schwer zu erfassen, sagten die Experten. So kann man nicht erkennen, ob und wo und wann sie überhaupt von Relevanz sind. 
Der Temperaturunterschied zwischen Innenstadt (unten) und Außenbereichen (oben) ist zwar 1977 in einem PH-Versuch sehr penibel erfasst worden, wurde aber aus messtechnischen Gründen in eine für Flensburg atypische windstille, austauscharme Phase gelegt, weil die klimatische Normalität, Wind mit ortsfremden Luftmassen, gestört hätte. Relevanz der Untersuchung: gegen null. Als Seminarversuch vielleicht interessant, für die Stadtplanung eher nicht. 

Die wunderbaren Kerbtäler von den Moränenhöhen hinunter zur Innenstadt und Förde werden als Frischluftschneisen aufgeführt. Für mich unverständlich bleibt dabei, warum die verantwortlichen Planer dann gegen ihre eigenen Grundsätze verstoßen haben und vor die Öffnung des Lautrupsbachtals, sogar über die Mündung hinweg, den langen, massiven Riegel des Klarschiffgebäudes zugelassen haben - von der optischen Blockade der Aussicht über die Förde zum beliebtesten Flensburgmotiv ganz zu schweigen.

Es besteht auch weiterhin die Gefahr, dass das Mühlenstromtal an der Stelle seiner Öffnung zum Neumarkt mit einer mehrstöckigen Parkpalette zugemacht wird. (Der Investor von "Klarschiff" wäre dann ursächlich auch für die Parkpalette vor dem Mühlenstromtal verantwortlich. Aber einem für Flensburg so wichtigen Investor will man wohl gern zuarbeiten .)

Als Radfahrer, der Jahrzehnte von der Ostseite der Stadt zur Westseite fahren musste, habe ich übrigens die Erfahrung gemacht, dass die wunderbaren Kerbtäler mit ihrer üppigen Vegetation eher Frischluft erzeugen, als dass sie Frischluft von außen weiterleiten könnten. Die eigentlichen Schneisen für die Luft, den Wind, sind die Straßen die Täler hinunter, besonders wenn geschlossene Häuserzeilen wie Leitplanken wirken. Wer häufig gegen den Wind die B 199 zur Exe hoch fährt, weiß was ich meine.

Die schriftliche Aussage eines Mitarbeiters vom FB 6 erscheint mir im Wesentlichen zutreffend: Aufgrund bestehender makroklimatischer und topographischer Bedingungen sind aus unserer Sicht die Kaltluftentstehungsflächen und Kaltluftschneisen in Flensburg nicht von so großer Bedeutung wie in Großstädten in Tallagen. 

Es scheint also, dass die Frischluftargumente der Planungsspitze in sich nicht besonders stimmig sind. 
Es soll auch schon das Argument gebraucht worden sein, dass Grünflächen zwischen Ortsteilen identitätsstiftend für die Ortsteile seien. Andere nennen das auch Zersiedelung, wie sie vor 50 Jahren Trend war.
Dass die kreative, farblich kontrastive Gestaltung auf dem Planungsblatt eine ästhetische Versuchung sein könnte, halte ich für unmöglich.

Ich muss eingestehen, meine Suche hat das Geheimnis nicht lüften können.


Elmar Westphal, WiF-Ratsherr und Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Planung und Stadtentwicklung (SUPA) [2008-2013] 





Eine "Frischluftschneise" für den "Kaltluftaustausch" zwecks Erhaltung guten Stadtklimas 
Ein Ackergelände mit ungeahnter, unsichtbarer aber wertvoller Funktion 

West-nordwestlich vom geplanten Baugebiet in Tarup befindet sich ein Ackergelände, das laut Aussage für gewöhnlich gut unterrichteter Kreise ein besondere Funktion hat: Als Freifläche für freie Winde, die teils aus Nordwest eintreffen, ist der Acker, der Sünderup und Tarup trennt, eine "Frischluftschneise", die den "Kaltluftaustausch" befördern soll. Auf diesen Acker befindet sich eine kleine, anscheinend künstlich hergestellte Wasserfläche. 

 Acker zwischen Sünderup und Tarup: "Frischluftschneise"  (c) Google

Ob die Form des Ackers geeignet ist, um die Bildung von Sandstürmen mit Auswirkung auf die Kreisstraße 8 zu verhindern, oder ob eine gezielte Ansiedlung sauerstoffproduzierender Pflanzen die Luft zusätzlich anreichern könnte, ist derzeit noch nicht abschließend geklärt. Die auf dem Ackergelände befindliche Wasserfläche (auf diesem Bild sichtbar) trägt zweifellos zu ausreichend Luftfeuchtigkeit bei. 

Die Diskussion im Planungsausschuss (SUPA): 
23.01.2012: "Tarup: Ein Baugebiet im Feuchtbiotop?" (südlich des Adelbyer Sportplatzes hat die SPD "eine wichtige Kaltluftschneise für die Innenstadt" entdeckt
17.04.2014: "Streit um Acker an der Ringstraße" (der SUPA beriet über einen WiF-Antrag, ein Qualitätscluster für Sport anzulegen; Richtigstellung vom 17.04.2014


  West-Tarup: Der fragwürdige Acker in Bildmitte             (c) Microsoft