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Bevölkerungsentwicklung

Kritik der Prognose zur Bevölkerungsentwicklung

(Siehe auch: "Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. 94.400 Flensburger im Jahr 2025?"; Flensburger Tageblatt, 24.03.2011
(Sogar die offiziellen Zählungen waren umstritten: "Zensus 2011: Chaos bei der Zählung"; Flensburger Tageblatt, 21.05.2011

In dem Artikel "Darauf kann man nicht bauen" hat unser Mitglied Elmar Westphal im Herbst 2011 die Prognose zur Bevölkerungsentwicklung kritisiert. Im März 2011 etwa war aus einer aktuellen Vorausberechnung der Bevölkerung bis 2025 für die Kreise und kreisfreien Städte im Land abgeleitet worden, dass in Schleswig-Holstein "künftig weniger, dafür aber ältere Menschen leben" werden, nämlich 2025 etwa 43.000 Menschen weniger als 2011, während die Zahl der Haushalte gleichzeitig steigen werde.("Schleswig-Holstein verliert Einwohner"; Flensborg Avis, 16.03.2011) Die offizielle Prognose der Stadt hingegen behauptete, dass Flensburg einen Zuwachs an Familien zu erwarten hätte, so dass Grundstücke für die Bebauung mit Einfamilienhäusern bereitgestellt werden müssten; mit der offiziellen Prognose rechtfertigen Stadtplaner z. B. den Bau der Kreisstraße 8 und die Entwicklung von Tarup-Südost. Die Prognose verkannte die veränderte ökonomische Realität: Während noch vor einigen Jahren eine Beschäftigung bei der Bundeswehr oder bei großen Betrieben wie Motorola oder Danfoss die Einkommensbasis für eine Familiengründung bildete, besteht der gegenwärtige Grund für den Anstieg der Flensburger Bevölkerung (jüngst wurde der 90.000te Einwohner begrüßt) aus einem vermehrten Zuzug von Studierenden. Studierende haben aber erstens kein festes Einkommen, von dem sie ein Haus bauen könnten, und wandern zweitens auch wieder ab, um nach ihrem Studienabschluss an anderen Orten ihren Berufsweg, z.B. das Referendariat, fortzusetzen. Daher muss die Prognose die veränderten Rahmenbedingungen berücksichtigen! 

Im Februar 2012 verdeutlichte die neue Wohnimmobilienmarktübersicht der HypoVereinsbank den Mangel bei Wohnungen"Jedoch seien aufgrund der wachsenden Bevölkerung auf der einen Seite und wenigen Neubauten auf der anderen Seite in Zukunft Knappheiten vor allem bei Mietwohnungen programmiert". Und: "Eine Wohnraumanalyse vom schleswig-holsteinischen Innenministerium prognostiziert, dass in Flensburg bis 2025 etwa 5.800 neue Wohnungen benötigt werden."("Wohnungen knapp - die Mieten steigen"; Flensburger Tageblatt, 13.02.2012
Eine Studie des Pestel-Instituts diagnostizierte für Flensburg im Juni 2012 einen Mangel an 2.500 Mietwohnungen in kaum mehr als 5 Jahren, woraufhin Planungschef Dr. Peter Schroeders bezüglich des Geschosswohnungsbaus, der zugunsten von Einfamilienwohnhäusern vernachlässigt worden war, einräumte: "Der Fehlbedarf ist eigentlich noch größer als dargestellt."("Studie warnt: Wohnraum wird knapp"; Flensburger Tageblatt, 16.06.2012)  

Im Herbst 2012 veröffentlichte die Bundesregierung den Familienatlas ("Der hohe Norden - das Beste für Familien"; Flensburger Tageblatt, 16.11.2012). Der Bericht stellt fest: Eltern mit Kindern bevorzugen das Wohnen im Kreisgebiet gegenüber dem Wohnen in der Stadt. Der Kreis Schleswig-Flensburg befinde sich "als einziger im Land in der Spitzengruppe der 25 familienfreundlichsten Kreise Deutschlands".(a.a.O.) 
Eine Erklärung dafür: "Dass Schleswig-Flensburg für Familien so lebenswert ist, verdankt der Kreis vor allem seinem guten Abschneiden im Bereich Bildung und der ausgezeichneten demografischen Lage. So erteilen die Schulen im Kreis nicht nur überdurchschnittlich viel Unterricht, sondern haben ab der 5. Jahrgangsstufe auch relativ kleine Klassen. Zudem fühlen sich Eltern hier so wohl, dass die Frauen mehr Kinder als fast im ganzen Rest der Republik zur Welt bringen - der Kreis liegt bundesweit auf Platz 20."(a.a.O.)
Die drei großen Ostseestädte Flensburg, Kiel, Lübeck weisen im Gegensatz zu den Kreisen einen negativen Zuwanderungstrend für Familien aus (Familienatlas, Auszug Schleswig-Holstein: 2012-11-16-familienatlas_sh.pdf). Wenn aber weniger Familien in die Städte ziehen, wenn sie sie sogar verlassen, dann bedarf es in Flensburg auch nicht des Baus weiterer Einfamilienhäuser, sondern von Geschosswohnungsbau.

Bundestrend bei Mietwohnungen:

Und in Flensburg: 
"Das jetzt erstmals präsentierte Wohnbauflächenkataster weist für die nächsten Jahre fast 4.200 mehr oder weniger fest geplante neue Wohneinheiten aus, davon etwa ein Drittel als Einfamilienhäuser und zwei Drittel im Geschosswohnungsbau."("Kataster für Wohnbauflächen"; Flensburger Tageblatt, 29.11.2012) 

Eine im Dezember 2012 fertiggestellte Wohnungsmarktanalyse erbrachte dementsprechend ein alarmierendes Resultat: 
"Der Bedarf nach Wohnraum ist groß, die Kaufkraft der Bürger unterdurchschnittlich."("Flensburg wächst - die Armut auch"; Flensburger Tageblatt, 06.04.2013)

Und die Stadt reagiert: 
"Der Schwerpunkt der Wohnungsbaupolitik liegt mittlerweile klar beim Geschosswohnungsbau und beim sogenannten urbanen Wohnen. Neubaugebiete für Einfamilienhäuser machen nur noch etwa ein Drittel des Gesamtkontingents aus."("Flensburg: 3.000 neue Wohnungen bis 2016"; Flensburger Tageblatt, 18.04.2013) 

Sie steuere den Anforderungen - laut dem Regionaldaten-Institut Pestel "rund 2.440 altengerechte Wohnungen" - bereits entgegen.("Institut warnt vor Alters-Wohnungsnot"; Flensburger Tageblatt, 04.07.2013




        

Darauf kann man nicht bauen
Die Erhebungen des Statistikamtes Nord zur Bevölkerungsentwicklung ergeben keine taugliche Prognose.
(von Elmar Westphal, 10/2011)

 Artikelserie des Planungschefs im Februar 2011: 
 "Kaum noch Platz für Bauwillige" (Flensburger Tageblatt, 01.02.2011)
 "Planungschef schlägt Alarm" (Flensborg Avis, 05.02.2011)
 "Alarm: Nur noch zwei Baugrundstücke" (Flensburger Tageblatt, 09.02.2011)

Was bezweckte der Planungschef mit dieser Kampagne angesichts einer von der Verwaltung selbst herausgegebenen Liste mit potenziellen städtischen Baugrundstücken in Flensburg für 1.800 Wohneinheiten und insgesamt, mit privaten Anbietern, über 3.000 WE (Aussage im SUPA 23.08.11), also WE für mindestens 5.000 Menschen?

Er begründet seinen Alarm mit einer von Kiel herausgegebenen Vorausberechnung des Statistikamtes Nord: "Annahmen und Ergebnisse der Bevölkerungsvorausberechnung 2010 bis 2025 für die Kreise und kreisfreien Städte in SH."

Neben den "Speckgürtel"-Kreisen um Hamburg würden nach dieser Berechnung nur Kiel und Flensburg einen Bevölkerungszuwachs in SH verzeichnen, Flensburg um ca. 6.000 in den kommenden 15 Jahren.

In den Vorbemerkungen zu dieser Untersuchung steht der sehr wichtige Satz: "Ob die vorausberechnete Entwicklung tatsächlich eintreffen wird, hängt davon ab, ob sich die Annahmen als zutreffend erweisen... Sie ist keine Vorhersage."


Kann uns diese Statistik helfen?

Wie ihre Vorgängerin von 2007 berücksichtigt die Untersuchung keine detaillierten wirtschaftlichen Strukturen und Entwicklungen und keine individuellen Verhältnisse vor Ort.

Sie berechnet im Wesentlichen die Wechselwirkungen zwischen Geburtenhäufigkeit, Lebensalter, Lebenserwartung und Wanderungsbewegungen.


Eine Prognose ohne Berücksichtigung der Wirtschaftssituation

Wie grotesk es ist, einen so engen Ausschnitt dann doch als eine weitreichende Prognose zu missbrauchen, zeigte sich bei der Vorstellung  der Vorgängeruntersuchung 2007 durch die Herren Thrun und Veser vom Institut für Stadtforschung, die auf Nachfrage eingestehen mussten, dass wirtschaftliche Aspekte nicht berücksichtigt worden waren.

Pikanter Zeitpunkt dieser Auskunft: Es war einige Monate nach Schließung von Motorola und kurz vor den Entlassungen bei Danfoss. So kann es nicht überraschen, dass  der damals prognostizierte große Anstieg weitgehend ausblieb, die Zahl im letzten Jahr sogar rückläufig war. Aber damals brauchte man ja einen Vorwand um die K8 und Tarup-SO durchboxen zu können. Man interpretierte diese ohnehin nicht tragfähigen Zahlen dann in die falsche Richtung, nämlich dass ein riesiger Bedarf an Einfamilienhäusern bestünde. Gleich nach dem Ratsbeschluss für K8 und Tarup SO  wurde deutlich, dass Flensburg dreimal so viel Wohnungen im Etagenbau braucht wie Eigenheime.


Eine Prognose ohne Berücksichtigung der Besonderheiten der Uni

Die jetzige Untersuchung des Statistikamtes enthält - neben der begrenzten Aussagekraft wegen der bewussten Ausblendung wirtschaftlicher Entwicklungen – eine zweite Schwäche. Sie sieht die Uni als sehr wichtigen Faktor, geht aber nicht auf die Besonderheiten der Flensburger Universität ein:

  1. Die Vorgängerin der Uni war vor gut zwanzig Jahren eine PH am Rande der Existenzfähigkeit (zeitweilig unter 1.000 Studenten). Erst als sich die Pensionierung der Lehrer der geburtenstarken Jahrgänge 1938–1944 abzeichnete, hatte ein Lehramtsstudium wieder bessere Aussichten. Die Studierendenzahlen stiegen bis zur Auffüllung der Pensionierungsdelle.
  2. Aus der PH war eine "Bildungs-Uni" geworden, und die gesamte Lehrerausbildung des Landes (außer für Gymnasien) wurde seit 1998 in Flensburg konzentriert. Diese politische Entscheidung aus Kiel führte zu einem zeitlich begrenzten weiteren Anstieg. (Ein durch politische Entscheidungen bedingtes "Strohfeuer" wird es noch einmal geben, weil zwei Jahrgänge bei G8 und G9-Abi zusammenfallen und durch Wegfallen des Wehrdienstes manche ihr Studium früher beginnen.)
  3. Die Lehramtsstudenten können (bis auf ca. 5%) nach dem Studium nicht in Flensburg bleiben. Sie werden aufs ganze Land verteilt. Die Uni verschafft Flensburg so zwar ein relativ niedriges Durchschnittsalter, die besser Verdienenden, die Familiengründer und Häuslebauer aber bleiben weitgehend aus. (Die Situation bei der FH liegt etwas anders.)
  4. Ein weiterer Denkfehler kann aus dem niedrigen Durchschnittsalter resultieren. Kinder von Studentinnen werden normalerweise von ihren Müttern nach bestandenem Examen mitgenommen, die Geburten sind sozusagen nicht nachhaltig für Flensburg.

Zusammengefasst ergeben die Punkte 1. und 2. ein tatsächliches Wachstum an der Uni von 2.500 Studierenden und geben der Stadt ein niedriges Durchschnittsalter, nur hochrechnen auf die Zukunft darf man den Zuwachs nicht. Einige Jahre waren schon rückläufig.

Auch die Punkte 3. und  4. dürfen nicht zu einer Zuwachsrechnung benutzt werden.


Für welche Gruppen muss also vorrangig gebaut werden?

  • für Studierende: Auch wenn ihre Zahl nicht so stark steigen wird wie in der Vergangenheit, besteht noch ein Nachholbedarf.
  • für die Alten: Die Gruppe der alten Alten, "75 Jahre und Älter", wird bis 2025 um 38% steigen. Die alten sind insgesamt die größte Zuwachsgruppe. Ihr Wohnungsbedarf dürfte sich auf alle Preissegmente und Versorgungsstufen erstrecken. Lage: innenstadtnah. Verbunden damit ein größerer Bedarf an Pflege- und Serviceleistungsstellen und natürlich behindertengerechte Wohnungen.
  • für Einkommensschwache: oft Zuzug vom Lande, zunehmend im Erwerbsalter, auch mit Familie. Die Sozialtransfers übersteigen  die Landeszuwendungen. 

Gemein ist allen drei Gruppen, dass sie in der Regel keine Eigenheime bauen.

Die wichtige Gruppe der Erwerbstätigen mit mittleren und höheren Einkommen, die potentiellen Eigenheimbauer, hängen weitgehend von der Entwicklung der Wirtschaft ab, und darüber macht die Untersuchung ja keine Angaben. Aber sicherlich kommt kaum jemand im Erwerbsalter aus HH,  D oder WOB nach Flensburg, weil er hier einen schönen Bauplatz bekommen kann. Da sollte schon ein schöner Job dabei sein.


Zum Schluss noch ein Gedanke zu einer Äußerung des Oberbürgermeisters nach seinen ersten 100 Tagen Amtszeit. Er regte an, über eine kreative Zusammenarbeit in der Siedlungsvorsorge mit den Nachbargemeinden nachzudenken. Ein guter Gedanke. Warum sollten wir nicht neben der Verwaltungsgemeinschaft mit Glücksburg und den gemeinsamen Gewerbeparks in Handewitt und Wees eine SG Flensburg-Handewitt haben - eine Siedlungs-Gemeinschaft FL-Handewitt, statt argwöhnisch vereinbarte Quotierungen zu beäugen?

Die WiF wird sich weiter für eine differenzierte, nachvollziehbare Wohnungsbaupolitik einsetzen.