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Statistikjubel


Kritik der Glaubwürdigkeit der offiziellen Zahlen zur Arbeitslosigkeit 
Warum die offiziellen Daten mit der Vergangenheit nicht vergleichbar und ein Täuschung über die Wirklichkeit sind 


Im Sommer 2004, während die rot-grüne Bundesregierung mit der Einführung des "Hartz IV-Gesetzes" beschäftigt war, wuchs die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland an und erreichte die Marke von fast fünf Millionen Menschen, die erwerbslos waren. Das neue Gesetz änderte auch die Bemessungsgrundlagen für die Statistik. Die neue Definition zeigte Wirkung


Veröffentlichte Zahlen und widersprüchliche Realität 

Den Angaben zur Arbeitslosigkeit ist zu misstrauen, obwohl oder besser weil ein Großteil der Medien die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg, übernimmt und die Behauptungen der Bundesregierung in Berlin verlautbart, ohne sie in Frage zu stellen. Die wahrgenommene Realität im Land und in der Stadt sieht anders aus, und dies nicht nur gefühlt: Man hört von Menschen, die von ihrem Einkommen angesichts von Preissteigerungen (zuletzt zum Jahreswechsel 2013 im Bereich Energieversorgung) immer weniger leben können, wenn sie denn noch eines haben; man hört auch von Menschen, die sich hundertfach erfolglos beworben haben. Dem gegenüber wird ein Mangel an Arbeitskräften beklagt, jedoch meistens an "Fachkräften". 

Was ist also dran an Meldungen zur Arbeitslosigkeit zum Jahresbeginn 2013? Ein Beispiel: 
"Immer weniger Arbeitslose: So wenige Arbeitslose gab es seit 20 Jahren nicht mehr. Wie die Bundesagentur für Arbeit gestern mitteilte, wurde in Schleswig-Holstein mit 6,8 Prozent im Dezember [2012] die niedrigste Arbeitslosenquote seit 1992 errechnet. Im Durchschnitt waren 2012 landesweit etwa 100.000 Menschen ohne Job. Angesichts der guten[sic!] Aussichten auf dem Arbeitsmarkt scheuen immer mehr Deutsche den Sprung in die Selbständigkeit."(Kieler Nachrichten, 04.01.2013) 

Die Agenturchefin der Regionaldirektion Nord, Margit Haupt-Koopmann, räumt ein: "
Allerdings habe der Zuwachs der sozialversicherungspflichtigen Stellen zuletzt an Schwung verloren", aber auch dieser diplomatisch formulierte Befund wird schließlich positiv gewendet: "Bis zum Oktober hatten vor allem der Handel, das verarbeitende Gewerbe und der Dienstleistungssektor mehr als 6.000 neue sozialversicherungspflichtige Stellen in Schleswig-Holstein geschaffen." Weiter heißt es: "Die Zahl der Arbeitslosen ist im Land seit Einführung der Hartz IV-Gesetze 2005 stetig gesunken. Damals lag die Arbeitslosenquote noch bei 13 Prozent."(a.a.O.) - Man soll den Gesetzen dankbar sein, denn angeblich sei es folgendermaßen: "Auch bundesweit sank die Zahl der Arbeitslosen im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 1991. Im Durchschnitt waren in ganz Deutschland 2012 fast 2,89 Millionen Frauen und Männer ohne bezahlte Arbeit. Dies waren etwa 80.000 weniger als noch 2011. Die Arbeitslosenquote fiel von 7,1 auf 6,8 Prozent."(a.a.O.) 

Die Kieler Nachrichten machten sich zum Lautsprecher der Arbeitsagentur, indem sie im Lokalteil titelten: "Nur ältere Arbeitslose gingen weitgehend leer aus. Seit 28 Jahren gab es in Kiel keinen besseren Wert bei der Erwerbslosenquote als 2012."(Kieler Nachrichten Lokal, 04.01.2013) Wenn also Werte vermeldet werden, die "es seit 20 Jahren nicht mehr" gegeben haben soll, dann müsste sich das doch eigentlich ausdrücken z. B. in der Kaufkraft der inzwischen Beschäftigten, die nun nicht mehr als arbeitslos gelten. Es müsste demnach eine Stärkung der Binnennachfrage wahrnehmbar sein. Als Folge einer Stärkung der Binnennachfrage müsste eigentlich auch die Zahl der Insolvenzen sinken. "Eigentlich" meint aber: "nicht wirklich".  

Abgesehen davon, dass der Quotenwert für Schleswig-Holstein mit angeblich 6,8 Prozent zufällig dem Bundeswert entspricht, wie passt folgender Befund zu den Verlautbarungen der Nürnberger Agentur:
"Mehr als drei Millionen der 4,33 Millionen erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger beziehen die Sozialleistung monate- oder jahrelang. Sie schaffen es nicht, dauerhaft auf eigenen Beinen zu stehen."("Mehr als drei Millionen Hartz-IV-Bezieher sind Dauerkunden"; Spiegel Online, 29.12.2012) 

Auch zwei Jahre später, 2015, wird weiter getitelt: "Arbeitslosigkeit auf tiefstem Stand seit 22 Jahren"(Flensburger Tageblatt, 08.01.2015 und 30.04.2015). Nach Angaben der Direktion Nord der Bundesagentur für Arbeit in Kiel liege die Arbeitslosenquote in Schleswig-Holstein bei "6,5 Prozent" und bundesweit wären im vergangenen Jahr 2,764 Millionen Menschen erwerbslos gemeldet gewesen: "in einem Dezember waren das so wenige wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr."(a.a.O.) - Was ist von dieser Meldung und von dem Vergleich "seit der Wiedervereinigung" zu halten, wenn Fachleute einer Stadtverwaltung dagegen feststellen: "Die seit dem 1.1.2005 wirksame „Hartz-IV“-Gesetzgebung bedingt, dass Vergleiche zur Arbeitslosigkeit mit den Jahren bis 2004 nicht möglich sind."(Sozialatlas 2012 der Stadt Flensburg, S.6)?! 

Realitätscheck: 
"Nach den neuesten Zahlen der BA vom Februar 2015, die auch vom O-Ton-Arbeitsmarkt ausgewertet wurden, gab es offiziell 3.017.003 Arbeitslose, aber insgesamt 7.105.233 Leistungsempfänger: 'Rund 1,1 Millionen Menschen bezogen Arbeitslosengeld I und rund 4,4 Millionen Menschen und ihre mehr als 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren waren abhängig von Hartz IV-Leistungen beziehungsweise Sozialgeld.' Mehr als die Hälfte der erwerbsfähigen Hartz IV-Empfänger werden nicht als Arbeitslose geführt."("Die meisten Arbeitslosen finden ohne Hilfe der Arbeitsagentur einen neuen Job"; Telepolis, 05.05.2015) 7,1 Mio. abzüglich 1,7 Mio. ergibt ca. 5,4 Mio. Arbeitslose. 


Vom absichtsvollen Vergleich nicht vergleichbarer Zahlen 

2,89 Millionen Arbeitslose und 4,33 Millionen erwerbsfähige(!) Hartz-IV-Empfänger - wie passt das eigentlich zusammen?! Jede/r, die/der Hartz-IV bzw. SGB-II bezieht, erhält das Geld, weil sie/er eine Bedürftigkeit nachweisen kann, was bedeutet, dass das Geld, welches die Person zur Verfügung hat, zum Leben nicht ausreicht, so dass der Staat über SGB II die Person durch Zahlung von Geld fördert. 

Eine Erklärung bietet der Flensburger Sozialatlas 2012, der von der Flensburger Stadtverwaltung erarbeitet wurde: 

"Mit der Einführung der Grundsicherung für Arbeitsuchende (Sozialgesetzbuch Zweites Buch – SGB II) hat sich die Zusammensetzung der Gruppe der Arbeitslosen verändert. Eine Person gilt als arbeitslos, die vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, eine versicherungspflichtige Beschäftigung sucht, dabei den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung steht und sich dort auch arbeitslos gemeldet hat. Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik gelten als nicht arbeitslos (§ 16 SGB III) und werden daher in der Arbeitslosenstatistik nicht erfasst. Arbeitslose beziehen Leistungen nach dem SGB III (beitragsfinanziertes Arbeitslosengeld) und/oder SGB II (steuerfinanzierte Grundsicherung für Arbeitsuchende). Eine Vergleichbarkeit mit den Jahren bis 2004 ist nicht möglich, da eine unbekannte Zahl an ehemaligen Sozialhilfeempfängern bzw. von (Ehe)Partnern ehemaliger Arbeitslosengeld- oder -hilfebezieher jetzt in Bezug von Leistungen nach dem SGB II steht."(Sozialatlas 2012 der Stadt Flensburg, S.31 f.)

Gegenüber 2004 wurden also mit Einführung der Hartz-IV-Gesetzgebung zum 01.01.2005 die Kriterien, nach denen eine Person als arbeitslos gilt, neu definiert, so dass nach Einschätzung der Verwaltung eine Vergleichbarkeit mit den Jahren bis 2004 "nicht möglich" ist. "Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik gelten als nicht arbeitslos", d. h. sie fallen aus der Arbeitslosenstatistik raus, so dass die Zahl der Arbeitslosen geringer erscheint und mit unter 3 Mio. Personen scheinbar Werte wie vor 20 Jahren erreicht. Auch die "unabhängigen" Medien könnten wissen, dass eine Vergleichbarkeit mit den Jahren bis 2004 "nicht möglich" ist, und trotzdem berichten sie: "So wenige Arbeitslose gab es seit 20 Jahren nicht mehr."(s.o.) Will man die Bevölkerung verschaukeln, indem man nicht vergleichbare Zahlen miteinander vergleicht?! 

Wie passen die vermeintlichen Erfolgsmeldungen zu den Befunden des Städteverbandes: "Zum Jahresende 2012 erhielten in Deutschland knapp 7,25 Mio. Menschen und damit 9,0% der Bevölkerung soziale Mindestsicherungsleistungen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am 14.11.2013 weiter mitteilt, blieb sowohl die Anzahl als auch der Anteil der Empfänger an der Gesamtbevölkerung gegenüber dem Vorjahr fast unverändert."(Nachrichten des Städteverbandes Schleswig-Holstein, Nr. 11/2013, S. 19) 

Gerd Bosbach, Professor für Statistik, Mathematik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz: "Leider geht der Einfluß der Politik stark in die Ministerien und untergeordnete Behörden hinein. Nehmen wir die Arbeitslosen-Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Ihre Bemessungsgrundlagen wurden seit Mitte der 80er Jahre 17 Mal geändert – 16 der Änderungen führten zu niedrigeren offiziellen Arbeitslosenzahlen. Insgesamt stehen heute den 2,7 Millionen offiziellen Arbeitslosen über fünf Millionen Bezieher von Arbeitslosengeld I oder II gegenüber. Und auch die 4,9 Millionen registrierten Arbeitssuchenden sprechen deutlich gegen die offizielle Darstellung. Die »Stille Reserve« von etwa 1,2 Millionen komplettiert das traurige Bild, auch wenn hier die Statistik unschuldig ist."(Quelle: »Da wird gelogen, was das Zeug hält«; Junge Welt, 01.11.2012) 

Für Flensburg wird nach den Änderungen der Statistikdefinition vermeldet: 4.989 Personen seien arbeitslos gemeldet, was einer Arbeitslosenquote von 10,8% entspräche.("Statistik. Arbeitslosenzahl stagniert"; Flensburger Tageblatt, 04.01.2013) Werte von abstrakt kleiner als 20% werden i.d.R. zur Kenntnis genommen, ohne dass sie einen Änderungsbedarf nahelegen. 


Eine Subvention als Folge eines politischen Programms  

Gemäß den Rahmenbedingungen der bis Ende 2004 geführten Arbeitslosenstatistik wurde bis damals erfasst, wer kein existenzsicherndes Einkommen hatte und sich deshalb als arbeitslos melden musste. Heutzutage aber gelten Empfänger eines einkommensunterstützenden Zuschusses, obgleich der Zuschuss belegt, dass der Lohn nicht zum Leben reicht, so dass sie eigentlich kündigen müssten, den staatlichen Hartz-IV-Zuschuss und gelten auf dieser Grundlage gemäß willkürlicher Definitionsänderung der Bundesregierung(en) nicht mehr als arbeitslos. Demnach funktioniert Hartz-IV, dessen Bezug den Empfängern zur Last gelegt wird, in Wirklichkeit als eine Lohnsubvention von Unternehmen, die 2010 mit 10,9 Milliarden Euro beziffert wurde.(vgl. "Immer mehr Berufstätige brauchen Hartz-IV-Hilfe"; Die Welt, 04.05.2010; oder: "Berufstätig mit Hartz IV: Teure Lohnsubvention"; Der Stern, 04.05.2010) 

War es politisches "Versagen", dass diese gesellschaftliche Veränderung bewirkt hat? Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die "Agenda 2010", ein "Konzept zur Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes" gewollt und mit seiner rot-grünen Bundesregierung durchgesetzt; "als Grundlage der "Reform" diente der "'Wirtschaftspolitische Forderungskatalog für die ersten hundert Tage der Regierung' der Bertelsmann-Stiftung".(Wikipedia) Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verkündete der Kanzler bereits im Monat der Einführung von Hartz-IV stolz: 

"Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt."(Gerhard Schröder, Januar 2005 auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos

Fünf Jahre später berichtete die von der SPD-Medienholding DDVG herausgegebene Frankfurter Rundschau zu Schröders Absicht, "einen der besten Niedriglohnsektoren" zu schaffen: 

"(...) Der Niedriglohn-Sektor in Deutschland wuchs so rasch wie in kaum einem anderen Land. 2008 waren fast 23 Prozent der Beschäftigten Geringverdiener, die weniger als 8,90 Euro pro Stunde erhielten, sagt der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) der Frankfurter Rundschau. 1996 betrug der Niedriglohn-Anteil hierzulande nur 16,4 Prozent. In rasendem Tempo hat die Bundesrepublik damit US-Niveau erreicht.
Hartz IV lässt sich ganz einfach so beschreiben: Im Hamburger Luxushotel macht das Zimmermädchen die Betten für drei oder vier Euro die Stunde. In Dresden bewacht der Familienvater für fünf Euro die Stunde jede Nacht die Lagerhalle. Überall in der Republik füllen Menschen Anträge auf Stütze aus, obwohl sie den ganzen Tag arbeiten gehen. Für diese Zustände gibt es viele Gründe, etwa Privatisierungswellen und eine sinkende Tarifbindung.(...) 
Hartz IV aber lässt sich auch ganz anders beschreiben. Erstmals hat es Deutschland geschafft, ein vermeintliches Naturgesetz zu brechen: Die Arbeitslosigkeit steigt und fällt je nach Konjunktur. Aber im Trend verschärft sie sich immer, weil in jeder Krise mehr Menschen ihre Stelle verlieren als in guten Zeiten eine neue finden. Damit ist es vorbei. 
(...) Zwischen 2004 und 2008 stagnierten die durchschnittlichen Bruttostundenlöhne laut DIW-Forscher Brenke - trotz des kräftigen Aufschwungs. Vom letzten, kräftigen Aufschwung haben die Arbeitnehmer nicht profitiert. 
(...) Rot-Grün hat Leiharbeit dereguliert und Minijobs gefördert. Arbeitslose werden nun "schneller in schlecht bezahlte Jobs gedrückt" und auch gut Qualifizierte machen aus Angst vor Hartz IV eher Konzessionen.(...) 
Mit der Lohnzurückhaltung geht Deutschland einen Sonderweg. Seit 2000 sind die Gehälter im gesamten Euroraum sieben Prozentpunkte stärker gestiegen als in Deutschland. Schaut man sich alle EU-Länder an, ist die Kluft noch größer. "Wir betreiben in der EU eine Art Lohnduming", resümiert [Gerhard] Bosch[, Direktor des Duisburger Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ)]. 
Für den Sozialrichter Jürgen Borchert hat die Bundesregierung mit Hartz eine Kehrtwende in der Beschäftigungspolitik vollendet: Der Staat überträgt die Verantwortung für Arbeitslosigkeit allein auf die Betroffenen."
("Der Volltreffer von Schröder"; Frankfurter Rundschau, 08.02.2010) 

Apropos "für drei oder vier Euro die Stunde"(s.o.). - Zum Vergleich: Ende der 1980er Jahre war ein Schülerjob mit 10 DM, d. h. 5,11 Euro pro Stunde "gut" bezahlt. Seit jener Zeit vor 20 Jahren haben sich die Preise inzwischen verdoppelt, während die Löhne stagnierten oder sogar fielen: 5,11 Euro gegenüber "drei oder vier Euro". Erkennbar wird das an den Lebensmitteln, wenn man z. B. die Eiskarten einer bekannten Firma vergleicht: Die früheren DM-Preise entsprechen den heutigen Euro-Preisen, aber die Stundenlöhne sind nicht gleichermaßen gestiegen, denn sonst müssten Löhne von 10 Euro pro Stunde heute selbstverständlich gelten. Wer profitiert von den steigenden Preisen, die für die Lohnempfänger/innen eine Verringerung ihrer "Kaufkraft" bedeuten? 

  Entwicklung des Niedriglohnsektors in Deutschland              (c) NDR

Erhielten Ende 2012 noch knapp 7,25 Mio. Menschen Mindestsicherungsleistungen (lt. Städteverband, s.o.), waren dies Ende 2014 bereits 7,5 Mio. Menschen - gegenüber 4,4 Mio. Ende 1991. Ende 2014 lag der Anteil "atypischer" Beschäftigung an den abhängigen Beschäftigungsverhältnissen damit bei 23,4% (7,5 von 32 Mio.) - gegenüber 14% Ende 1991 (4,4 Mio. von 31,4 Mio.). Begonnen hatte der Trend mit der Einführung von so genannten Mini-Jobs in den 1990er Jahren, und zusätzlich verstärkt wurde er durch die Politik der Schröder-Bundesregierung.  


Von den bundesweiten Folgen eines Niedriglohnsektors 

Im Dezember 2012 berichtete der Spiegel, dass 50% der Deutschen sich nur noch 1% der Besitztümer teilten - gegenüber 3% in 2003 und 4% in 1998.("Wie arm die Deutschen wirklich sind"; Spiegel Online, 18.12.2012) Die obersten 10% der deutschen Gesellschaft besitzen inzwischen 53% am Gesamtvermögen - gegenüber 49% in 2003 und 45% in 1998. Es werden also 10% der Gesellschaft immer reicher, während bzw. weil die unteren 50% dabei ärmer werden. Daran hat nicht nur die Privatisierung zahlreicher Risiken (Altersvorsorge, Gesundheitsleistungen) ihren Anteil, sondern auch die von der SPD in der schwarz-roten Bundesregierung im Herbst 2005 mitgetragene Erhöhung der Mehrwertsteuer, die schlagartig von 16% auf 19% angehoben wurde.("Kehrtwende: Wie die SPD 'Merkelsteuer' entdeckte"; Handelsblatt, 11.11.2005) Die Mehrwertsteuer belastet als Verbrauchssteuer die privaten Haushalte und behandelt alle Einwohner gleich, obwohl diese ungleiche Voraussetzungen bzw. Geldbeutel haben. Inzwischen wird in Westdeutschland eine Armutsquote von 13,3% diagnostiziert (in Ostdeutschland sogar 19%!), nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind etwa 12 Millionen, d. h. jede/r Siebte armutsgefährdet.("Armutsbericht 2011. Jeder Siebte von Armut bedroht"; Die Zeit, 21.12.2011) Die wesentliche Aussage des Armutsberichts: "Deutschland ist nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief zerrissenes Land."("Regionen-Vergleich. Wo Deutschland am ärmsten ist"; Spiegel Online, 21.12.2011) 
Dass die Bundesregierung - wobei sich CDU, SPD, FDP, Grüne nicht unterscheiden - von den negativen Folgen ihrer Gesetze wenig wissen wollen, sondern ihre Maßnahmen positiv verkaufen, sollte nicht überraschen, zumal vor kurzem sogar eine direkte Einflussnahme auf Textpassagen im Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung bekannt wurde. Andere übernehmen die Rolle von Helfern freiwillig. Die angeblich "unabhängigen" Medien verbreiten 12 Monate nach den Armutszahlen weiterhin positive Stimmung, indem sie wie die Nürnberger Agentur und die Bundesregierung "immer weniger Arbeitslose"(s.o.) vermelden, ohne dass sich die Situation der Mehrheit der Menschen in Deutschland signifikant gebessert hätte. Stattdessen wird gelegentlich skandalisiert, wenn nicht sogar offen gehetzt, obgleich die Missbrauchsquote bei SGBII bzw. Hartz-IV laut der Nürnberger Agentur bei lediglich 1,9% liege, was ein konformes Verfahren bei 98,1% der Empfänger impliziert.("Bundesagentur registriert fast 165.000 Fälle! Immer mehr Hartz-IV-Betrüger"; Bild, 02.02.2010) Ließe sich eigentlich irgendeine Steuersünder-CD verkaufen, wenn die Steuerehrlichkeit so wie die Hartz-IV-Konformität bei 98,1% läge? 

... und den Folgen in der Kommune Stadt Flensburg 

Die Parteien tragen mit ihrer Politik zur Ausweitung der Gegensätze in der Gesellschaft bei. Diese Entwicklung ist auch bereits in Flensburg wahrnehmbar. Seit Juli 2008 berichten die sozialen Einrichtungen den Ratsfraktionen regelmäßig in einem Arbeitskreis Kinderarmut und Bildungsbenachteiligung, wie die Familien und insbesondere die Kinder unter dem Fehlen von Mitteln leiden - dies in einem Land, in dem die Produktivität in den letzten zwei Jahrzehnten um insgesamt 50% gestiegen ist, in dem ein solcher Überfluss herrscht und reichlich Mittel vorhanden sind: Wöchentlich verteilen die Anbieter gratis farbig bedruckte Lebensmittelprospekte in die Briefkästen der Haushalte. Die Stadt Flensburg hingegen hat eine Verschuldung auf Rekordniveau, und nahezu ein Viertel der Haushalte bedarf sozialer Leistungen. 

Presseartikel im Flensburger Tageblatt / sh:z:

Ein kommunaler Artikel gibt zur Kenntnis: "Als Hauptauslöser für die private Finanznot gilt die Arbeitslosigkeit, die in Flensburg spürbar abgenommen hat, auf 10,8 Prozent oder 4965 Betroffene. "Dieser positive Effekt wird aber durch einen steigenden Nachholkonsum mehr als wettgemacht", sagte Michael Bretz, Leiter der Wirtschaftsforschung von Creditreform Deutschland, gestern in Flensburg. Gemeint sind private Konsumwünsche, die wegen der zurückliegenden Wirtschaftskrise über Jahre nicht erfüllt wurden und nun durch Ratenkredite realisiert werden. Bedeutende Überschuldungsgründe sind zudem Scheidungen und Trennungen, gescheiterte Selbstständigkeit und Krankheit, zunehmend durch psychische Leiden verursacht."("Schulden-Schere öffnet sich weiter"; Flensburger Tageblatt, 16.11.2012) 

Daran wäre zu kritisieren: Not wird privatisiert und als ein Selbstverschulden der Betroffenen dargestellt, die nun noch in "steigenden Nachholkonsum" verfallen, was ihnen eine Schwäche unterstellt, zumal "private Konsumwünsche ... über Jahre nicht erfüllt wurden". Wird etwas zu einer individuellen Schwäche oder Schuld erklärt, so kann die Frage, was daran systematisch bewirkt wurde, unterbleiben. Von Ökonomie und Gesetzesfolgen muss nichts wissen, wer "private Finanznot" als Resultat "private[r] Konsumwünsche" deutet. Den Betroffenen fehle es an der moralischen Tugend der Sparsamkeit, lautet der Fehlschluss. 
Dagegen wäre einzuwenden: Gäbe es wirklich keine Krisen und keine Armut mehr, wenn alle tugendhaft, d. h. sparsam handelten? Würden sich eigentlich die Investitionen der Unternehmen rentieren, wenn alle Kunden sparsam wären und bloß Wasser und Brot konsumieren würden? Oder würde dann nicht ein "Käuferstreik" oder eine "Absatzkrise" beklagt werden, bei der Käufer bzw. Unternehmen die bereits produzierten Waren nicht absetzen können, so dass der Staat mit einer "Abwrackprämie" aushilft? Worin liegt eigentlich - abgesehen von der Definition - der Unterschied zwischen einer staatlichen Sozialleistung und der "Abwrackprämie"? 

Denen, die bereits kaum Mittel haben, wird das Nachholen von Konsum als ihr Makel angeheftet. Kann es wirklich sein, dass mehrere Millionen von Bedürftigen - nicht nur in der Bundesrepublik -, einen Mangel an Tugend haben? Oder kann es nicht eher an ökonomischen Gesetzen liegen, dass die Mittel für sie nicht zu haben sind oder/und dass sie im Wettbewerb notwendig zu Verlierern wurden und deshalb in "private Finanznot" gerieten, weil im Wettbewerb gar nicht alle gewinnen können? - Die Antwort soll hier nicht gegeben werden, aber den Unterschied zwischen "individuellem Versäumnis oder Versagen"(subjektiv) oder "notwendigem Scheitern unter Wettbewerbsbedingungen an Märkten"(objektiv) sollte man ernsthaft geprüft haben, bevor man über Menschen urteilt. 
"Private Konsumwünsche" ließen sich auch anders, nämlich positiv darstellen: Menschen erhalten vom Staat Geld und reinvestieren dieses Geld umgehend in den Wirtschaftskreislauf, womit sie zur Erhaltung von Unternehmen und Arbeitsplätzen beitragen, statt damit an Finanzmärkten auf Rendite zu spekulieren. Was wird bzw. wurde in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich an der Wirtschaftslage besser dadurch, dass man denen, welche im Wettbewerb die schlechtesten Karten gezogen haben, ihr Scheitern als ihre Schwäche ("Scheidungen und Trennungen ... Krankheit") vorhält? Gab es dadurch weniger Trennungen oder Krankheit? Anders gefragt: Was hat das Beklagen fehlender Tugend zum Besseren verändert? 

* * * 


Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen.“ 

(Günter Grass zur "Gleichschaltung der Meinung"; Spiegel Online, 05.04.2012)