Unsere Themen‎ > ‎Stadtentwicklung‎ > ‎

Mühlenbachtal

Rathausparken im grünen Mühlenbachtal? 
Exklusiver Parkraum - "auch dienstlich" - kann 150.000 Euro wert sein

Ein nördliches Alleinstellungsmerkmal von Flensburg sind seine Kerbtäler. Das Osbektal und das Lautrupsbachtal bieten Naherholungsräume. Das Tal des Mühlenbachs hingegen fristet noch ein Schattendasein: Ehemals geprägt von Industrie und Gewerbe wird es kaum wahrgenommen, obgleich es den Mühlenbach bzw. Mühlenstrom* einbettet, der an der Hafenspitze in die Förde mündet. Das Bewusstsein von der Entwicklung unserer Naturjuwele ist im Rathaus noch nicht fest verankert. 

(* Die gängige Sprachregelung für das Fließgewässer lautet zwar "Mühlenstrom", da es aber nicht größer ist als die anderen Flensburger Bäche, verwenden wir den Begriff Mühlenbach statt Mühlenstrom.) 


2008: Rathaus, Flensburg-Zimmer: Vogelperspektive auf das Mühlenstromtal in Richtung Westen 

Bei der Genehmigung des Bauvorhabens Dienstleistungszentrum 2 (DLZ 2) wurden dem Investor Zugeständnisse gemacht. Ursprünglich hieß es: „Unter dem Neubau sollen auf zwei Etagen bis zu 200 Autos Platz finden“(Flensburger Tageblatt, 17.06.2011). Ein Jahr später glaubten viele Fraktionen dem Investor, dass der Bau der zweiten Tiefgaragenetage für ihn „zu teuer“ sei. Also verzichteten sie auf die zweite Etage, denn einem für Flensburg so wichtigen Investor muss doch zugearbeitet werden. Da nun neben der einen Tiefgaragenetage mit 60 Parkplätzen oberirdisch nur noch weitere 44 vorgesehen waren, begann man, die verlorenen Parkplätze an anderer Stelle zu suchen, denn: "Wenn durch das gemeindliche Einvernehmen für das Dienstleistungszentrum II 57 Stellplätze wegfallen, gelinge der Nachweis nicht mehr."(SUPA, 02.10.2012) Die CDU-Fraktion schlug sogar vor, auf die Tiefgarage komplett zu verzichten und stattdessen in Gehweite in der Nähe des Papierwerks eine Parkpalette zu bauen.("Heftiger Disput über neues Bürohaus"; Flensburger Tageblatt, 09.08.2012) Eine kurz darauf am 14.08.2012 durchgeführte öffentliche Bürgerversammlung zeigte, dass das vernachlässigte Tal eine nur kleine Lobby besitzt, die kleiner als die der Parkplatzfans zu sein schien.(Bürgerversammlung, 14.08.2012)

Auf sagenhafte ca. 150.000 Euro Herstellungskosten sowie voraussichtlich rund 3.500 Euro an jährlichen Unterhaltungskosten schätzte die Verwaltung die Kosten für eine Befestigung und Erweiterung des provisorischen Parkplatzes gegenüber des Rathauses südlich der B199.(SUPA-82/2012; Planentwurf) Die mit einem Schlagbaum versperrte Fläche soll ausschließlich Rathaus-Mitarbeitern und Ehrenamtlern - also Rats- und Ausschussmitgliedern, Vertretern der Beiräte – dienen, da mit dem Bau des DLZ 2 einige Stellplätze für Mitarbeiter entfielen, erklärte ein Verwaltungssprecher. WiF-Ratsherr Elmar Westphal wandte ein: „Die Täler der kleinen Bäche, die in die Förde fließen, seien "ein Schatz" und er sei hocherfreut, dass das Mühlenstromtal nicht, wie noch vor kurzem erwogen, mit einer mehrstöckigen Parkpalette "verschandelt" werde. Er begrüßte die vorgesehene Gestaltung und Aufwertung der Fläche, die "ein Juwel" sein könnte, derzeit aber "ein Dreckloch" und eine Gefahr für spielende Kinder sei. Mit der Investition könne man etwas Gutes für die ganze Stadt tun, schließlich sei der Mühlenstrom Flensburgs größter und wasserreichster Bach.“("150.000 Euro für Rathaus-Parkplatz"; Flensburger Tageblatt, 21.09.2012) 

Die Beratung im Ausschuss für Umwelt, Planung und Stadtentwicklung (SUPA) am 02.10.2012 führte zwar dazu, dass die Verwaltung die Vorlage SUPA-82/2012 nicht der Abstimmung aussetzte, sondern sie zunächst zurückzog, aber sie nahm den "Prüfauftrag[?!] des SUPA in erweiterter Form auf".(SUPA, 02.10.2012) Die Verwaltung erwog weiterhin die Umwandlung von Grünflächen auf dem Grundstück des Technischen Rathauses (rund 50 Plätze) sowie auch den Bau einer mehrgeschossigen Parkanlage auf dem Grundstück Schützenkuhle im Mühlenstromtal (HA-68/2012); Bau durch privat mit Sonderkonditionen für Ratsmitglieder und Beschäftigte, lautete eine Idee. Mehr als 120 Rathaus-Beschäftigte - 10% des gesamten Verwaltungspersonals! - seien auf Parkplätze am Rathaus angewiesen, weil sie ihre Pkw auch[sic!] dienstlich benötigten, behauptete der OB und fügte hinzu, dass der Bedarf derzeit ermittelt werde.(Hauptausschuss, 29.01.2013) Diesen Bedarf an Verwaltungsmobilität konnte auch die CDU nicht mehr nachvollziehen.("Parkpalette sorgt für neuen Ärger"; Flensburger Tageblatt, 04.02.2013) 

Man muss sich wundern, dass die Verwaltungsspitze trotz Haushaltskonsolidierungsvertrag mit dem Land noch 150.000 Euro für "Herstellungskosten" sowie 3.500 Euro für "jährliche[sic!] Unterhaltungskosten" in ihren Etats findet, wogegen einmalig 3.500 Euro für die einstimmig beschlossene Anlage eines Naturerholungspfades ("Grünes Hufeisen") für sie problematisch sein können.(siehe: "Ein Rundwanderweg für 3.500 Euro"; Flensburger Tageblatt, 12.02.2013)   

Presseartikel aus dem Flensburger Tageblatt / sh:z zu den Parkplänen im Mühlenstromtal:
21.09.2012: "150.000 Euro für Rathaus-Parkplatz
20.10.2012: "Kein Parkplatz im Mühlenstromtal" ("Verwaltung zieht Antrag nach Kritik aus der Kommunalpolitik zurück"
29.01.2013: "Parkhaus-Planspiele für das Rathaus-Umfeld"(Flensborg Avis)
04.02.2013: "Parkpalette sorgt für neuen Ärger" ("Alte Idee neu belebt: Verwaltung will in der Schützenkuhle privates Parkhaus bauen lassen"


Zum Parkplatzbedarf der Verwaltung, der auch dienstlich zu sein scheint 
Die Stadtverwaltung gliedert sich in zwei Gruppen von Beschäftigten: 
Gruppe 1: Wohnt in Flensburg und könnte – theoretisch – den ÖPNV oder das Rad nutzen oder Fahrgemeinschaften bilden, so dass kein oder nur wenig zentraler Parkraum benötigt wird. 
Gruppe 2: Wohnt außerhalb von Flensburg, versteuert sein Einkommen aus Flensburg im Umland und nutzt auch die Flensburger Verkehrswege, überwiegend per Pkw. Gruppe 2 benötigt den Parkraum. 

Aber ist es der Stadt Flensburg zuzumuten, der Gruppe 2 zusätzlich zum Einkommen und den Verkehrswegen auch noch den Parkraum für ihre privaten Pkw zu finanzieren, die "auch" dienstlich genutzt werden?
Die Wahl des Wohnortes geschieht freiwillig, und Flensburg bietet Gruppe 2 bereits ausreichend kostenfreie Parkplätze auf der Exe, nur 500 Meter vom Rathaus entfernt. Zusätzlich zur Exe bestehen, wie auch für das Mühlenstromtalparken erwogen, privat betriebene Angebote, z.B. ein noch nicht ausgelastetes Parkhaus in der Roten Straße und ein ebenerdiger Parkplatz Ecke Bahnhofstraße/Niedermai, der um eine Ebene aufgestockt werden könnte. 

Der Mangel an Parkplätzen für das Rathaus ist nicht nachvollziehbar und rechtfertigt angesichts exististierender Alternativen keine Bebauung im Mühlenstromtal! 


2012, Mühlenstromtal: Einblick in Talzugang mit Parkplatz südlich der B 199


Unser Ratsherr Elmar Westphal hat die Debatte im Ausschuss für Umwelt, Planung und Stadtentwicklung (SUPA) aus nächster Nähe verfolgt und eine Wanderung durch das Mühlenstromtal unternommen. 

Teure Parkplätze für Verwaltungskomfort?

Im SUPA wurde am 18.09.2012 über die zukünftige Gestaltung des Mühlenstromtals und die dauerhafte Einrichtung eines Parkplatzes für Mitarbeiter des Rathauses diskutiert. Der Eingang zum Mühlenstromtal wurde schon länger provisorisch vom Rathaus als Parkplatz genutzt. Nun möchte die Verwaltung eine Erweiterung des Parkplatzes auf etwa 60 reguläre Stellplätze. Bisher hatte die Verwaltung Parkplätze im Dienstleistungszentrum 1 angemietet, die jetzt für das Dienstleistungszentrum 2 benötigt werden, da das DLZ 2-Gebäude nicht, wie zunächst geplant, mit zwei-etagiger Tiefgarage, sondern nur mit einer Park-Ebene gebaut werden soll.

Für den Bau von 15-20 weiteren Parkplätzen am Mühlenstrom wären 150.000 Euro völlig indiskutabel (vgl. Flensburger Tageblatt, 21.09.2012). Aber wichtiger als die Parkplätze ist die Renaturierung des Mühlenstromtals, das ein Juwel sein könnte, aber auf Grund der Hinterlassenschaft eines Gewerbebetriebes stark verschandelt ist. Da gerade der Eingang zum Tal am stärksten durch Gebäudefundamente eingeengt und deformiert ist, darf jetzt nicht einfach nach Beseitigung der Fundamente auf derselben Fläche ein Parkplatz entstehen. Dann würde man für teures Geld die Einengung des Mühlenstroms festschreiben. Der Parkplatz muss nach der Tieferlegung den Bachhängen mehr Raum geben, um die Öffnung des Tales bereits aus dem Raum des Neumarkts sichtbar zu machen. So würden wir einen weiteren großen Schritt zu dem Ziel voran kommen, Flensburg als Stadt der grünen Kerbtäler - bis ins Stadtzentrum - heraus zu stellen.

Leider wissen manche Flensburger nicht, auch Leute in verantwortlicher Position, diesen naturgegebenen Schatz der radial zur Förde verlaufenden Kerbtäler und ihrer Bäche zu schätzen. Deshalb müssen wir weiterhin vor kurzsichtigem, materiellem Erfolgsdenken auf der Hut sein. Es wäre auch interessant zu wissen, ob um Co-Finanzierung für die Renaturierung des Baches nachgesucht wurde. An der Ernsthaftigkeit, die Renaturierung wirklich in Angriff zu nehmen, darf doch hoffentlich nicht gezweifelt werden?

Elmar Westphal, Ratsherr und Mitglied im SUPA



Eine kleine Tour durch das Mühlenstromtal 
aufgenommen von Elmar Westphal im September 2012 


Ausgangs Pferdewasser: Blick auf die Rückseite der Husumer Straße und den Eingang zum Mühlenstromtal 


Nahe Neumarkt: Der Blick ins Mühlenstromtal mit dem Schornstein der Papierfabrik 


Der Parkplatz am Eingang des Mühlenstromtals: Parken im Grünen 


Der Blick vom Parkplatz auf das Dienstleistungszentrum 1 und den Rathausturm 


Mit jedem Schritt nach Westen wird das Tal grüner


Der Mühlenstrom oder Mühlenbach: Eine Bachlauf wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt


    
Ein malerisches Idyll der Naherholung, vor Blicken verborgen                             ... aber leider nicht unentdeckt, wie kapitalistisch wertlose Hinterlassenschaften dokumentieren 


        
Das Grüne überwiegt                                                                          Eine Lichtung mitten in der Stadt 


Pflanzendickicht, wo man es nicht vermutet hätte


Die Zivilisation ist nahe


Der Hang ins Tal. Keine 5 Meter entfernt...


...rollt bzw. steht der Verkehr an der B 199 stadteinwärts in Richtung Neumarkt


Die kleine Tour durchs Mühlenbachtal endet nach wenigen hundert Metern. Neben einer Bundesstraße, an der alle in Eile sind, eröffnet sich eine grüne Idylle, die in der Stadtplanung bisher keine Rolle spielt - außer fürs Parken.

Entspricht das Parken an jener Stelle wirklich den Erfordernissen heutiger Stadtplanung und - ebenso wichtig - dem, was sich die Bürgerinnen und Bürger für Flensburgs einzigartige Täler wünschen?