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Flensburg - una galleria

Fördehang des Westufers in Flensburg, 15.08.2012 vormittags         (c) Marc Paysen

Flensburg – una galleria

Gedanken zum Bild der Innenstadt und ihrer Weiterentwicklung 
(von Elmar Westphal, 12/2009)


1. Grundstruktur der Innenstadt*

„Flensburg – una galleria“ diese Überschrift hat nichts mit der 2006 eröffneten Einkaufspassage Flensburg-Galerie zu tun. Die könnte auch in Aschaffenburg oder Wolfsburg stehen. Das italienische Wort „galleria“ enthält drei Bedeutungen, die für Flensburgs Innenstadt typisch sind, drei unterschiedliche Bedeutungen in einem Begriff.

Die erste Bedeutung von „galleria“ ist der „Tunnel“ oder der ins Erdreich getriebene Stollen. Auf Flensburg bezogen ist es das in der Eiszeit entstandene „Tunnel-Tal“ der Förde, an dessen Ende sich dann später die Stadt entwickelte.

Die zweite Bedeutung von „galleria“ ist, wie im Deutschen, die Galerie, die Kunsthalle und der Gang durch Räumlichkeit, in der Schönheit zur Geltung kommt, Wände, vor denen schöne Dinge sich entfalten können. Im Falle Flensburgs also die Altstadt vor den steilen, grünen Wänden des Tunneltals.

Die dritte Bedeutung ist die der Galerie im Theater, also ein erhöhter Bereich, von dem aus man auf Schönes und Interessantes hinab sehen kann, im Falle Flensburgs also die Kronenbebauung über den Hängen mit ihrem Ausblick über Förde und Innenstadt und auf das ähnliche Gegenüber. Anders als im Bergland, keine höheren Berge darüber, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen; nur der Himmel als Abschluss.

Die Erdgeschichte, die Natur und die Baugeschichte folgen denselben Leitlinien, denen der „galleria“ – eine Stadt von unverwechselbarer Identität.

 

2. Anregungen von Professor Bava und dem Studentenwettbewerb die Gewässer betreffend

Den letzten Stadtdenker Flensburgs, Professor Bava und seine Studenten hat das eiszeitliche Tal offensichtlich fasziniert. In mehreren Wettbewerbsarbeiten kam das Verlangen zum Ausdruck, dass die Stadt die Förde wieder mehr in sich hinein lassen sollte. Die Idee, zu dem Zweck den ZOB abzureißen, ist wohl illusorisch bei Flensburgs Finanzlage. Die Idee aber, an der Wilhelmstraße statt eines Parkplatzes einen kleinen See anzulegen, der mit der Förde weitgehend offen in Verbindung stünde, wäre mittelfristig gesehen nicht unmöglich. Es würde der Förde ein Stück zurückgegeben, was wieder zu einer innigeren Verflechtung von Förde und Innenstadt führen würde. (Das Problem des Bahndamms bleibt hier noch ausgeklammert.)

An den Studentenarbeiten wurde, die Bebauung betreffend, mangelnde Urbanität moniert. Das mag für die Bebauungsvorschläge zutreffen, das landschaftsplanerische Empfinden der Studenten aber, dass die eiszeitmorphologischen und die natürlichen Gegebenheiten des Wassers besser in die Innenstadtgestaltung integriert werden müssten, sollte als Planungsleitlinie aufgenommen werden.

Die Förde weiter hinein zu lassen, war nur die eine Hälfte des Anliegens der Arbeiten. Die Bäche, oder zumindest den Mühlenstrom, sichtbar zur Förde fließ en lassen, war die andere Hälfte. Auch hier zeigten die Studenten Sensibilität für die ungenutzten Geschenke der Natur. Ein fließender Bach, oder gar Bäche, mitten durch die Innenstadt, wo sie heute am ödesten ist, wäre ein sehr belebendes Element.

 

3. Die Kerbtäler

Insgesamt müsste Flensburg den nach der Eiszeit entstandenen Bächen und ihren Kerbtälern mehr Beachtung schenken. Sie konnten erst entstehen, nachdem die Ostsee und damit die Förde vom Gletschereis befreit war. Das Schmelzwasser des Gletschers konnte vorher nur, sich auffächernd, nach Westen und Südwesten abfließen. Nachher suchte sich die im Vergleich zum Schmelzwasser viel geringere Wassermenge den kürzeren Weg mit dem viel größeren Gefälle und kerbte sich in die Endmoränen Richtung Förde ein. Das ist die Ursache für den reizvollen Kontrast zwischen den breiten glazialen Formen des Fördetales und der linearen Erosion des fließenden Wassers der Bäche. Beide Formen und Gewässerarten mitten in der Stadt zu haben, ist wunderbar. Sie zugeschüttet und verrohrt zu haben, war eine Verirrung. Die Vereinigung zwischen den Bächen und der Förde sichtbar zu machen, würde gerade dem stillos entwickelten Kernbereich der Innenstadt zwischen Hafenspitze und Neumarkt gut tun.

 

4. Die grünen Galeriewände

Das grüne Band der „Galeriewände“, also der Hänge, ist nicht durchgängig. Wo die Kerbtäler sich im Hang zum Fördetal öffnen, findet sich oft ältere Bebauung, die sich unterschiedlich dicht und unterschiedlich weit nach oben zieht. In den meisten Fällen schmiegt sie sich dem Relief an. Meistens wirkt sie reizvoll strukturierend und nicht störend. Offensichtlich ist in den letzten Jahren auch eine größere Sensibilität in der Behandlung der Vegetation an den Hängen eingetreten, nämlich dass nicht schematisch verfahren wird, sondern von Fall zu Fall überlegt wird, was unten vor der „Galeriewand“ und was oben darüber in der „Kronenbebauung“ zur Geltung kommen soll (z. B. Abholzung vor dem imposanten Museum; nur moderates Auslichten auf der Ostseite). Wichtig aber, dass das grüne Band als Struktur erhalten bleibt.

 Fördehang des Ostufers in Flensburg, 25.05.2012 abends         (c) Marc Paysen

5. Die Kronenbebauung

Auch die Kronenbebauung der Galerie folgt einer eiszeitlichen Vorgabe. Sie folgt der in fast gleicher Höhe verlaufenden Talschulter, ob von Duborgskolen über Altes Gymnasium, Museum, Gericht bis zur Auguste-Viktoria-Schule (AVS) auf der Westseite, oder, auf der Ostseite, von der St.-Jürgen-Kirche über Brixstraße, Goetheschule, Clädenstraße bis zum oberen Sandberg. Dadurch erhält die Bebauung, die zudem aus einer Zeitspanne von nur wenigen Jahrzehnten stammt, ebenfalls Streifenstruktur.

Das Erdrückende der „preußisch-kaiserzeitlichen Imponierarchitektur“ wurde durch den Zahn der Zeit gemildert und auch dadurch, das innerhalb der Streifenstruktur die einzelnen Gebäude individuellen Charakter haben.

 

6. Logik und Nutzen der Fortsetzung einer Kronenbebauung an der Kanzleistraße

Auf der Ostseite bricht die obere Galerie am oberen Sandberg ab, da wo die Stadt vor 100 Jahren aufhörte. Das Relief aber läuft weiter mit dem Aufforderungscharakter, hier nicht hinter die städteplanerischen Leistungen unserer Vorgänger zurück zu fallen. Das Gebiet um die Schrebergartenkolonie 68A wäre ideal, das gezügelte architektonische Selbstbewusstsein der Clädenstraße in Höhe und Volumen wieder aufzunehmen. Das soll kein Plädoyer für historisierendes Bauen sein, sondern die Idee einen neuen Akzent zu setzen im Rahmen des gewachsenen Stadtbildes in den beschriebenen Strukturen.

Die Weiterrührung dieser Galeriezeile nach Süden würde mehrere Aspekte der Stadtplanung erfüllen: Neben einer positiven Erweiterung und Ergänzung des Stadtbildes wäre es ein markanter westlicher Abschluss des Campusgeländes, eines Zukunftsviertels Flensburg, das bis jetzt doch noch immer irgendwie irgendwo da draußen liegt. Bei mutiger Ausgestaltung dieser Zeile an der Kanzleistraße, könnten dort mehrere hundert Menschen wohnen und/oder arbeiten. Damit würde die sehr wichtige Forderung erfüllt, zentrumsnah viel Wohnraum zu schaffen. Die Stadt wäre zu Fuß über den Weg der Johannisallee den grünen Hang hinab zu erreichen, und der Munketoft ist die schnellste Verbindung zwischen Innenstadt und Ostumgehung. Das Gebiet ist also verkehrsmäßig gut erschlossen. Der grüne Hang bliebe erhalten, und unterhalb des Munketoft bliebe Raum für weitere zentrumsnahe, urbane Bebauung auf dem ehemaligen Gelände des TBZ, also auch hier gäbe es dann die Dreigliedrigkeit von Unterstadt, Hang und Kronenbebauung.

Im Bereich des Freilandlabors würde sich das Grün des Munketofthangs mit dem grünen Talstreifen vom VfB-Sportplatz her vereinigen und nach Osten, einem Bach entgegen, aus der Stadt heraus führen.

Die Entwicklung des Hanges um den Munketoft zwischen Campusviertel und Bahnhof würde auch als Anreiz wirken, die Bahnhofstraße aus ihrem unansehnlichen Aschenputteldasein zu erlösen und in Verbindung mit der Bahnhofsrenovierung und der Umgestaltung des Carlisle Parks diese vernachlässigte „Ecke“ der Stadt zu einem interessanten südlichen Abschluss der Innenstadt machen. Die zusammenhängende Planung des Gebietes zwischen Deutschem Haus, Waldorfschule und Campushalle, mit dem Bahnhof mitten drin, ist ein Kapitel für sich. Hier soll nur auf die beschriebenen Grundstrukturen der Innenstadt auch für dieses Gebiet hingewiesen werden.

Auch hier, im Bereich des ehemaligen Mühlenteiches, ließe sich der vorhandene Bach weiter offen legen. Welch’ eine Idylle wäre das.


Flensburg ist schön. Leider ist die Mitte seiner Nord-Südachse zwischen Hafenspitze und Bahnhof der hässlichste Teil. Die Mittelachse könnte gerade mit Hilfe des Wassers wiederbelebt werden als Basis und als eine Leitlinie der „galleria“.


* Alle sechs Abschnittsüberschriften wurden erst später, Anfang 2012, in den Text eingefügt.


Hafen und Panorama des Westufers, 08.05.2008 vormittags         (c) Marc Paysen







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