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Streusalz

Status: Materialsammlung. Der Artikel befindet sich noch in Bearbeitung. 


Die Verwendung von Streusalz, die noch in den 1980er Jahren sehr umstritten war (Debatte um das Waldsterben: "Stadtbäume in Deutschland zeigten ebenfalls Schäden (durch Streusalz)"; Wikipedia), wurde inzwischen flächendeckend durchgesetzt. Ob in der Sackgasse Finisberg Mitte der 1990er Jahre oder am 2. Weihnachtsfeiertag 2004 im Nebenstraßenbereich am Marrensdamm oder am Ostersonntag 2008: Kaum signalisiert Frost Straßenglätte, schon kommt der Streudienst zum Einsatz und verteilt auch an Feiertagen flächendeckend, d. h. auch in Nebenstraßen, wo Tempo 30(!) vorgegeben ist, eifrig Streusalz. Anschließend herrscht Verwunderung, warum denn die Straßenbeläge in immer kürzeren Intervallen aufbrechen. Die Folgen für das Grundwasser sind weniger sichtbar und werden daher nicht problematisiert. 

Literatur zu Streusalz und Vegetation auf Baufachinformation.de (Hervorhebungen WiF)

Däumling,Thomas; Oechtering,Lisa:
Auswirkungen des Streusalzeinsatzes im Winterdienst auf Straßenrandböden und Vegetation in Hamburg
Auf Beschluss der Hamburger Bürgerschaft in 2006 wurde die seit der Winterperiode 1984/1985 geltende Begrenzung des Einsatzes von Tausalz auf Straßen mit Buslinienverkehr und auf Bundesstraßen sowie in Einzeleinsätzen an örtlichen Gefahrenpunkten aufgehoben. Um Bedenken der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) Rechnung zu tragen, wurde ein Monitoring des Tausalzeinsatzes im differenzierten Winterdienst vereinbart. Die Ergebnisse dieses 5-jährigen Streusalzmonitorings zeigen den deutlichen Einfluss des Streumitteleinsatzes auf den Boden und die Vegetation. In den harten Wintern führte der flächendeckende Streusalzeinsatz zu einer Natriumanreicherung in den Straßenrandböden, zu einer generellen Chloridbelastung in den Bäumen und zu einer Anhebung des Chloridgehaltes im Sickerwasser. Die Untersuchung zeigt aber auch das Potenzial, durch verantwortungsbewusste Maßnahmen des Winterdienstes den unnötigen Salzeinsatz zu reduzieren und die Streusalzschäden im Straßenbegleitgrün zu verringern.
in Fachzeitschrift: Bodenschutz 18(2013)Nr.1, S.16-20, Abb.,Tab.,Lit. ISSN: 1432-170X

Höhner,Vera:
Vorbeugung vor Frost- und Tausalzschäden
In Gebirgs- und Mittelgebirgslagen oder Gebieten mit höheren Winterhärtezonen sieht man häufig beschädigte Bordsteinkanten an denen der Beton abplatzt. Die Schadensbilder entstehen in den meisten Fällen durch Frost-Tau-Wechsel sowie den Einsatz großer Mengen von Tausalz. Um diese Schäden, deren Sanierung kosten- und zeitaufwändig ist, in Zukunft vermeiden zu können, entwickelte die F.C. Nüdling Betonelemente GmbH + Co. KG ein spezielles Herstellungsverfahren für Bordsteinelemente.
in Fachzeitschrift: Straßen- und Tiefbau 66(2012)Nr.7/8, S.15-16, Abb. ISSN: 0039-2197

Winterdienst ohne Salz auf überörtlichen Straßen. Dokumentation einer Expertenanhörung am 3. Juni 1987 in Minden.
In den letzten Jahren sind in verschiedenen Städten der Bundesrepublik Versuche unternommen worden, im Interesse von Natur und Umwelt den Straßenwinterdienst ohne Salz vorzunehmen. Über den Einsatz ausschließlich umweltfreundlicher Streumittel auf Gehwegen und Straßen innerhalb geschlossener Ortslagen liegen mittlerweile überwiegend positive Erfahrungsberichte vor. Anders sieht es bei der Forderung aus, auch außerhalb geschlossener Ortschaften auf den Einsatz von Salz im Winterdienst zu verzichten. Erfahrungen - z.B. mit einem "weißen Netz" - liegen bisher kaum vor. Entsprechende Versuche mußten teilweise wegen des Protestes von Anwohnern und Speditionen/Busunternehmern wieder abgebrochen werden. Vor diesem Hintergrund veranstalteten DIE GRÜNEN im Landschaftsverband Westfalen-Lippe am 3. Juni 1987 in Minden eine Expertenanhörung zum Thema Winterdienst ohne Salz. Die Referenten, deren Redebeiträge in der Veröffentlichung dokumentiert sind, beleuchteten das Problem des Winterdienstes auf Überortsstraßen unter den Gesichtspunkten der Verkehrssicherheit, Umweltbelastung und Winterdienstpraxis.
Münster/Westf.: 1988. 80 S., Abb.,Tab.,Lit.



Berichterstattung zum Einsatz von Streusalz in Flensburg am 28.03.2013: 
"Es war nicht so sehr der Schnee - es ist die ständige Glätte, die immer noch für Vollbeschäftigung (fast) rund um die Uhr sorgt. Gerade hat Drews nochmals Streumittel nachbestellt. 250 Tonnen - er hofft, dass es das letzte Mal war- vor dem nächsten Winter. Bis heute haben die Fahrzeuge 2600 Tonnen Salz auf Straßen und Wegen verteilt. Drews erinnert an 2009/2010, als Flensburg unter dem Schneewinter ächzte. Da waren es gerade 2054 Tonnen. Mit 90 Tagen Frost ist das laufende Jahr ohnehin in Führung gegangen. Vor zwei Jahren brachte es der Winter auf 81 Tage."("Eiszeit lässt Stadtwerke jubeln"; Flensburger Tageblatt, 28.03.2013)

Der Zahlenvergleich (Stand 28.03.2013)
Winter 2009/2010: 81 Tage Frost, Verbrauch 2.054 Tonnen Streusalz = 25,36 Tonnen pro Frosttag 
Winter 2012/2013: 90 Tage Frost, Verbrauch 2.600 Tonnen Streusalz = 28,89 Tonnen pro Frosttag 

Bei zusätzlichen 9 Tagen (+11,11%), ein Anstieg im Streusalzverbrauch um 546 Tonnen (+26,58%) und ein Anstieg im Streusalzverbrauch pro Frosttag um +13,92%! 
Fazit: Es wird also durchschnittlich um nochmals 13,92% mehr Salz pro Frosttag gestreut als noch 2009/2010, der im März 2010 als "heftigster Winter in Flensburg" seit 1978/79 gegolten hatte.("Winterbilanz: 400.000 Euro mehr"; Flensburger Tageblatt, 26.03.2010).

Gleichzeitig gab es folgende Befunde auf den Straßen: "Die Kraterlandschaft an der Förde"(Flensburger Tageblatt, 02.03.2010) und "Schlagloch-Slalom: Von Tag zu Tag wird es schlimmer"(a.a.O., 04.03.2010). 
Der harsche Winter habe fast das gesamte Straßennetz durchlöchert, heißt es über den "Verursacher", während über das Streusalz geschwiegen wird. Am Wechsel von Frost und Tauwetter, d. h. nur am Wetter, z. B. der Sonne, die den Belag aufwärme, läge es. Erfüllt nicht das Streusalz die Funktion, Schnee und Eis zum Schmelzen zu bringen, dass dann als Tauwasser in "kleinste Ritzen" eindringt? 
Das Fazit der Naturbekämpfung: Im "stärksten Winter seit 1978/79" wären "sicherlich... mehr als 2050 Tonnen Salz (Vorjahr: 851) gestreut worden - hätte es denn Salz gegeben."("Winterbilanz: 400.000 Euro mehr"; Flensburger Tageblatt, 26.03.2010) 
Die Stadt schätzte die Winterschäden "auf rund 3,5 Millionen Euro" und man erfuhr: "Durch Streusalz einsickerndes Tauwasser entwickelte beim Gefrieren eine fatale Sprengkraft. Und zwar besonders gerne an Stellen, wo die Räum- und Streudienste den Winter am Ende eigentlich ganz gut im Griff hatten. Unter einer permanenten Eisdecke wollte keine Frostbeule gedeihen - aber da, wo die Straßen mit Salzeinsatz freigehalten wurden, blühten nicht nur die Frostbeulen, sondern vor allem auch die Kosten."("Asphalt marsch! Jetzt wird geplombt"; Flensburger Tageblatt, 31.03.2010) 
1,2 Millionen sollten für die Behebung der Winterschäden in Flensburg verbaut werden.("Frischer Asphalt für marode Straßen"; Flensburger Tageblatt, 28.08.2010) 

Der Folgewinter 2010/2011 sorgte ebenfalls für reichlich Schnee und Eis, die mit Salz nicht ausreichend gekämpft werden konnten: "Schnee reichlich - Salz wird knapp"(22.12.2010) und "Hallo Eiszeit: Kein Salz für Flensburg"(24.12.2010) lauteten die Schlagzeilen im Flensburger Tageblatt. Unverblümt wird der Streumitteleinsatz als "Kampf gegen den Winter" bezeichnet, d. h. man kämpft gegen die Natur und stellt nicht die aus der Fahrschullehre vertraute Frage, ob man nicht Fahrverhalten bzw. den Verkehr den Witterungsbedingungen anpassen müsse. Nein: "Just-in-Time-Produktion" muss anscheinend weiterlaufen. 
Die Befunde: "Schon drei Wochen nach Winteranfang erneut schwere Straßenschäden." Der Etat des TBZ für den Straßenunterhalt wurde von 144.000 Euro auf 360.000 Euro erhöht.("Lied der Straßen: Das große Rumpeln"; Flensburger Tageblatt, 13.01.2011) Das Auftragen von Asphaltdecken verträgt sich manchmal nicht mit dem häufig Jahrzehnte alten Unterbau, insbesondere dort, wo schwere Fahrzeuge durch Bremsvorgänge viel Energie in die Straße eintragen.("Schlagloch-Wüste: Dauerpatient B 199"; Flensburger Tageblatt, 15.01.2011) Aus Kiel kam ein Signal der Förderung, da den Kommunen die Mittel fehl(t)en.("Kleine Finanzspritze aus Kiel"; Flensburger Tageblatt, 09.03.2011) Dem Straßenzustand hat dies langfristig wenig helfen können, denn 2015 wurde 25% des Flensburger Straßennetzes als defekt registriert.("Schlaglöcher. Jede vierte Straße ist kaputt"; Flensburger Tageblatt, 04.02.2015) Die Schneeräumung 2010/2011 wurde mit Kosten von 800.000 Euro bewertet, wogegen der vorangegangene Winter das Doppelte, nämlich 1,6 Millionen Euro gekostet haben soll. Teilweise wäre Salz nur "zu astronomischen Preisen" verfügbar gewesen.("TBZ im Sparzwang: Winterdienst ade?"; Flensburger Tageblatt, 23.05.2011) 

Winter 2011/2012: Die Gesamtkosten für 2011 lagen bei 691.851 Euro gegenüber 1,64 Mio. Euro im Vorjahr. Eingesetzt wurden 620 Tonnen Salz (Vorjahr: 1.482 Tonnen) und 280 Tonnen Sand (Vorjahr: 1.496 Tonnen). "Winter bedingte Straßenschäden sind nicht erkennbar", berichtete das TBZ.("Winter 2011/2012: Politik ist milde gestimmt"; Flensburger Tageblatt, 15.03.2012) Aber die Straßenreinigungsgebühr wurde zum 01.07.2012 um 15,9 Prozent angehoben, und es wurde auf einen weiteren milden Winter gehofft.("Spätfolgen der Schneewinter"; Flensburger Tageblatt, 08.06.2012) 


Von den Wirkungen und ihren Ursachen wird der weitere Artikel berichten. Vorab sei deutlich klar gestellt: Diese Kritik am Einsatz von Streusalz ist keine Forderung auf einen vollständigen Verzicht auf Streusalz! Vielmehr geht es darum, den ausufernden Einsatz von Streusalz - inzwischen palettenweise angeboten in Supermärkten - einer Prüfung zu unterziehen: Welchem Zweck dient der Einsatz (vorgeblich und tatsächlich), und wer hat den Nutzen und wer den Schaden? Ist der Einsatz von Streusalz schließlich "alternativlos"? 

Eine These, die dabei untersucht werden soll, lautet: "Schlaglöcher wegen Salz - Wir sind selbst schuld!"(Flensburger Tageblatt, 26.02.2010) 




"Schlaglöcher wegen Salz - Wir sind selbst schuld"? 
  Stimmt das? 

Minister de Jager wollte ein Zeichen setzen: Gegen die Winterphänomene Schnee, Eis, Glätte, welche den Straßenverkehr beeinträchtigen, d. h. die gewohnten Geschwindigkeiten verringern. Am Steuer eines Fahrzeuges "startete" er am 07.12.2009 die Streusaison. Der Winter nahm die Herausforderung an und setzte ca. eine Woche später ein. De Jager begründete den persönlichen Einsatz für den Streudienst: „Ihre Arbeit dient nicht nur der Sicherheit, sondern ist auch ein wichtiger Dienst für den Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein.“ Was Streueinsatz, „Sicherheit“ und „Wirtschaftsstandort“ verbindet, wird noch zu erklären sein.  

Winter 2009/2010: Die Woche vor dem Schneefall
Der Landesminister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr ahnte den Wintereinbruch. Ehe der hereinbrach, startete de Jager bereits die Streu(salz)saison. 

  Der Minister im Einsatz für den Wirtschaftsstandort               (c) sh:z


Zwei Wochen nach Winterbeginn wurden bereits Folgen sichtbar, ausgerechnet an einem im Oktober 2009 neu sanierten Straßenbelag: "Erst ist Feuchtigkeit in die fehlerhafte Fahrbahnoberfläche eingedrungen. Danach fror dieses Wasser und hielt die schadhaften Stellen solange zusammen, bis vor einigen Tagen die Temperaturen wieder anstiegen. Das Eis schmolz, das Wasser floss ab und die Asphaltstruktur sprang teilweise auf - die Schlaglöcher waren da. Der Fehler liegt nach Meinung des TBZ bei der damals beauftragen Firma und nicht beim Technischen Betriebszentrum."("Schlaglöcher im frischen Asphalt"; Flensburger Tageblatt, 29.12.2009) Aber auch in anderen Städten, wie z.B. Neumünster, wurden nach etwas mehr als 2 Monaten Streusalzeinsatz Schäden sichtbar.("Immer mehr Schlaglöcher in der Stadt"; Holsteinischer Courier, 23.02.2010) Die Diagnose lautete dann auch relativ eindeutig: "Winterschäden. Schlaglöcher wegen Salz - Wir sind selbst schuld!"(Flensburger Tageblatt, 26.02.2010)

Zusammenspiel von Temperatur, Salz und Wasser                  (c) sh:z

Aber der Artikel ist deutlich und undeutlich zugleich. Trotz oder gerade wegen seiner naturwissenschaftlichen Deutlichkeit, legt er eine Reihe falscher Schlüsse nahe. "Wir" sollen "selbst schuld" sein, und vom tüchtigen Minister, der zwei Monate zuvor persönlich Hand angelegt hatte, ist keine Rede mehr. Einleitend folgt die nächste Ver(w)irrung: Weder "Wir" noch der Minister sind als Grund genannt, sondern: "Der Winter ist schuld" und hinterlässt "riesige Schlaglöcher auf den Straßen", die nur ein Opfer kennen: "wieder leidet der Verkehr".(a.a.O.) Ohne Subjekte regiert die Notwendigkeit: "Der Winter geizt nicht mit Schnee, es[sic!] braucht Unmengen an Salz. Der Verbrauch beim Landesbetrieb Straßenbau hat sich verdoppelt. Vielen Kommunen ging das Streumittel aus, sie bezahlten hoffende Summen für Nachschub."(a.a.O.)  Aber dem gesellschaftlich produzierten Interesse am zügigen Straßenverkehr will die unzähmbare Natur einfach nicht gehorchen, indem sie Schnee fallen und Straßen aufbrechen lässt. Deshalb benötigt das "Es" die "Unmengen an Salz". 
"Wir Menschen" werden nicht ganz vergessen, aber nur ergänzend: "Auch[sic!] wir Menschen tragen unseren Teil zu den Buckelpisten bei - indem wir Salz streuen."(a.a.O.) Der Minister oder "die Wirtschaft" und ihr "Standort" scheinen nicht zu existieren. Festgestellt wird, dass das Streusalz den Schnee auch bei Minustemperaturen schmilzt, so dass er in die Asphaltoberfläche eindringen und diese zerstört, wenn das Wasser erneut friert und dabei sein Volumen ausdehnt. Die hohe Verkehrsdichte setzt dem geplatzten Asphalt zu: Die Fahrzeuge "sorgen nicht nur für die Risse, durch die das Wasser eindringen kann, sondern zerstören auch die letzten Asphalt-Klumpen, die die poröse Fahrbahn noch zusammenhalten."(a.a.O.) 

Fazit Winter 2009/2010: In dem "nach 1978/79 heftigsten Winter in Flensburg" hatte der Winterdienst bereits Ende Februar "seinen regulären Etat von 450.000 Euro um fast das Doppelte überschritten", berichtete das TBZ.("Winterbilanz: 400.000 Euro mehr"; Flensburger Tageblatt, 26.03.2010) 

Der folgende Winter 2010/2011 sollte nicht einfacher werden: Schnee und gefrierender Regen sorgten am 16.12.2010 schnell für Problemen an den Steigungen Flensburgs, und der glatte Belag ließ sich nicht entfernen, weil das Streusalz bei den niedrigen Temperaturen keine Wirkung zeigte. Es blieb der Polizei nur die Empfehlung, "Autofahrten auf das absolut Unvermeidbare zu beschränken".("Winterdienst. Frühschicht gegen Glätte"; Flensburger Tageblatt, 18.12.2010) Die Medien verbreiteten, was möglicherweise aus einer Seltenheit von Schneefall entstanden war, das Schlagwort "Schneechaos". Empfohlen wurde eine Verhaltensänderung: "Schon jetzt werde auf einigen Nebenstraßen nicht mehr gestreut: 'Die Bürger werden sich wahrscheinlich daran gewöhnen müssen, wie in skandinavischen Ländern, dass man auch auf einer festgefahrenen Schneedecke fahren kann', sagte [DStBG-Hauptgeschäftsführer Gerd] Landsberg. Im vergangenen Winter hätten die Kommunen Zusatzkosten von geschätzt 3,5 Milliarden[sic!] Euro für die Beseitigung von Schäden und den Räumdienst bezahlt."("Winter-Panik: Schnee-Chaos nur im Kopf?"; Flensburger Tageblatt, 20.12.2010) 
Schließlich hatte "der zweite richtige Winter in Folge" wieder Spuren hinterlassen in Form von störenden Kratern in Straßen und Wegen, so dass die WiF-Fraktion die Gründung einer AG Winter beantragte, was aber keine Mehrheit fand.("Frost und Schnee. Noch ein teurer Winter für das TBZ"; Flensburger Tageblatt, 26.02.2011) Weitere Meldungen des Winters: "TBZ will die Seitenstraßen räumen" und "Alarmstufe Rot: TBZ rechnet mit Eis", (Flensburger Tageblatt, 28. bzw. 30.12.2010) sowie aus Neumünster, wo es wenig Steigungen gibt: "Immer mehr Schlaglöcher in der Stadt"(Holsteinischer Courier, 23.02.2010). 

Fazit Winter 2010/2011: Straßenschäden, die sich für die Kommunen auf geschätzt 3,5 Mrd. Euro an Zusatzkosten addierten und vorübergehend Machtlosigkeit, weil das Streusalz nicht immer wirktt oder die Ressourcen nicht ausreichten - diese Erscheinungen führten zur letzten Maßnahme: Zur teilweise angeordneten Reduzierung der Geschwindigkeit auf innerorts Tempo 30.("Alarmstufe Rot: TBZ rechnet mit Eis"; Flensburger Tageblatt, 30.12.2010) Weil diese Maßnahme aber eigentlich nicht gewollt ist, hofft man auf technische Lösungen.("TBZ rüstet sich. Mit Salz und Sole gegen Eis und Schnee"; Flensburger Tageblatt, 01.12.2012)


Winter 2012/2013
Zwei Jahre Später schienen sich die Schlagzeilen zu wiederholen: Straßenschäden und erhebliche Zusatzkosten. 

Presseartikel aus dem Flensburger Tageblatt / sh:z:
01.12.2012: "TBZ rüstet sich: Mit Salz und Sole gegen Eis und Schnee" (Wer kämpfen will, muss sich "rüsten".
07.01.2013: "Schlagloch-Slalom nervt Autofahrer" ("Noch nicht mal Winter-Halbzeit, und schon gähnen die Schlaglöcher"
28.03.2013: "Eiszeit lässt Stadtwerke jubeln" ("Glätte und kein Ende: TBZ hat schon jetzt Rekordmenge Streusalz eingesetzt" - bis dato 2.600 Tonnen)
20.04.2013: "Rumpelfahrt zur Notaufnahme" ("Der lange Winter, Bauarbeiten und die Folgen: Straßennetz in Flensburg arg in Mitleidenschaft gezogen"

Stadtvergleich Neumünster, Presseartikel aus dem Holsteinischer Courier / sh:z:  
28.11.2012: "Der Winter kann kommen
13.08.2013: "Marode Straßen stehen im Stau" ("Acht Straßensanierungsprojekte sind vom Land als förderungswürdig anerkannt worden - doch es fehlt der Zuwendungsbescheid"


Der Winter brachte noch ein weiteres Phänomen. Trotz "Schneefall, Eis auf der Fahrbahn, heftige Windböen" fuhren Lastzüge und Sprinter ein "Rennen" auf der Überholspur. Anscheinend war das Vertrauen auf die Streumittelwirkung so hoch, dass die Fahrer diese Geschwindigkeit für angemessen hielten.("Das Rennen der Lastzüge und Sprinter"; Flensburger Tageblatt, 19.03.2013) 

Massenrennen mitten im Winter                                             (c) sh:z


Zwei Tage später musste sogar eine Autobahn in einer Fahrtrichtung ganz gesperrt werden, weil die anderen Verkehrsteilnehmer ihre Geschwindigkeit nahe der Unfallstelle nicht verringern wollten, obwohl es spiegelglatt war.("Lebensgefährliche Raserei: Polizei muss Autobahn sperren"; Flensburger Tageblatt, 21.03.2013) Anscheinend vertrauten die Schnellfahrer auch hier auf die Wirkung der Streumittel - dem verunglückten Fahrzeug zum Trotze.  

Massenrennen gipfeln im "Wahnsinn"                                     (c) sh:z


Der Einsatz der Streumittel beseitigt zwar überwiegend die Glätte, verleitet aber auch zur trügerischen und verhängnisvollen Annahme, trotz Winterbedingungen höhere Geschwindigkeiten fahren zu können. Trifft ein Fahrzeug mit höherer Geschwindigkeit auf eine weniger gut gestreute Passage, droht der Crash. Um wirklich Sicherheit zu schaffen, wie der Minister es eingehend verkündet hat, müsste neben dem Streumitteleinsatz eine Beschränkung der Geschwindigkeiten erfolgen. 

Was ist von des Ministers These, der Streumitteleinsatz diene nicht nur der Sicherheit, sondern sei auch ein wichtiger Dienst für den Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein, letztlich zu halten?

Aspekt „Sicherheit“: Glätte führt dazu, dass Fahrzeuge ins Rutschen geraten; je schneller diese fahren, desto unkontrollierbarer die Folgen. Der Streueinsatz soll die Glätte beseitigen, damit Fahrzeuge weniger rutschen. Dies wird zunächst als „Sicherheit“ wahrgenommen. Sind die Straßen gestreut, können jedoch - zumindest potentiell - wieder höhere Geschwindigkeiten gefahren werden trotz der Winterglätte. Die Sicherheit bzw. die Möglichkeit der Kontrolle über ein Fahrzeug nimmt allerdings proportional zum Anstieg der gefahrenen Geschwindigkeit ab. Höhere Geschwindigkeit aufgrund gestreuter Straßen verringert wiederum „Sicherheit“. Die nicht der Situation angepasste Geschwindigkeit - und nicht die Aufzählung „verschiedener Faktoren“ - ist der Grund für alle Unfälle mit Todesfolge. Der These dürften viele widersprechen, weil sie gewohnt sind, in der Regel hohe Geschwindigkeiten unfallfrei zu er- und überleben. Aber: Erwiesenermaßen ist die Zahl der Fußgänger und Radfahrer, die tödlich miteinander kollidieren, nahe dem Nullpunkt. Und es ist auch kein Zufall, dass im Stadtgebiet so gut wie keine tödlichen Unfälle geschehen: "Erneut gab es im vergangenen Jahr keinen Verkehrstoten in Flensburg; im Kreisgebiet starben hingegen zwölf Menschen bei Unfällen."("Verkehrssicherheitsbericht 2012. Am Neumarkt kracht es am häufigsten"; Flensburger Tageblatt, 04.05.2013) Die passive Sicherheit der Fahrzeuge ist inzwischen so hoch, dass es schon großer Energie bzw. Geschwindigkeiten erfordert, die Insassen zu töten. Diese Energien werden nicht innerorts bei Geschwindigkeiten bis 50 km/h, sondern außerorts freigesetzt - dort dann mit tödlichen Folgen. 

Aspekt „Wirtschaftsstandort“: Wird die Glätte auf den Straßen durch Streumittel neutralisiert, dann können die Warentransporte durchschnittlich höhere Geschwindigkeiten erzielen, die annähernd denen entsprechen, die auch in der schneefreien Zeit erreicht werden. Schnee und Eis beeinträchtigen die Straßen und damit die Transportzeiten, die trotz Glätte „just in time“ erfolgen sollen, da die Lagerhaltung aus Kostengründen abgebaut wurde. Verlängerte Transportzeiten beeinträchtigen die Warenproduktion und könnten dazu führen, dass die Unternehmen Absatzschwierigkeiten bekommen, weil Konkurrenten bessere Transportbedingungen vorfinden. Die Verkehrsminister „müssen“ also, um im Winter annähernd die Geschwindigkeiten und Transportzeiten des Sommers zu erreichen, Salz streuen lassen, damit die Unternehmen im „just-in-time“-Konkurrenzkampf keine Umsatzeinbußen erleiden. Mit öffentlich bezahlten Mitteln werden die Voraussetzungen geschaffen, dass die private Wirtschaft weiterhin Absatzmärkte erobern kann. Natürlich sind auch Arbeitnehmer froh, dass sie ohne größeren Zeitverlust pünktlich ihren Arbeitsplatz einnehmen können. Allerdings kommt bei der Absicht, auf gestreuten Straßen in winterlicher Umgebung hohe Geschwindigkeiten möglichst bis zur ausgewiesenen Geschwindigkeitsbegrenzung zu erzielen, die Sicherheit unter die Räder. Abhilfe schaffen könnte eine allgemeine Tempobegrenzung beim Einsatz von Streumitteln. Damit wäre der Konkurrenzdruck, der zum Schnellerfahren verleitet, vorübergehend ausgesetzt. 

Geringere Geschwindigkeiten und ein damit einhergehender verringerter Einsatz von Streumitteln könnten helfen, Ressourcen zu sparen, die derzeit öffentliche Haushalte belasten. 

Wäre es nicht vernünftig, die Geschwindigkeit an die Straßenverhältnisse statt die Straßenverhältnisse an die (gewohnte) Geschwindigkeit anzupassen?