Studierendenstadt ohne Mietspiegel

Studierendenstadt ohne Mietspiegel

Flensburg ist die einzige Hochschulstadt des Landes, die keinen Mietspiegel vorweisen kann. Dagegen können Kiel und Lübeck sowie Neumünster und sogar Norderstedt und Reinbek ihre ortsüblichen Werte für Mietwohnungen über Mietspiegel abbilden. In Flensburg besteht diese Transparenz nicht. Dabei ist preiswertes Wohnen sowohl für die Leistungsbezieher des SGB eine Existenzfrage als auch für die 1.000 Studierenden, die sich jährlich an den Hochschulen neu einschreiben. Während lt. Jobcenter Flensburg den Arbeitslosen die Miete erstattet wird ohne Prüfung, ob die Wohnung ihren Preis wert ist, müssen die Studierenden mit dem BAföG oder eigenen Finanzmitteln auskommen. Auch wenn der Mietspiegel auf eine zu teure Vermietung keinen direkten Einfluss nehmen kann, böte er dennoch die Möglichkeit des Vergleichs ortsüblicher Mieten.

In Flensburg wird bei der Frage der Angemessenheit seit Jahren auf die Mietobergrenzen nach § 8 Wohngeldgesetz als Richtwerte zurückgegriffen. Die Stadt bzw. ihr Pressesprecher lehnte jüngst ab, einen Mietspiegel zu erstellen: Ein Mietspiegel können nur eine unangemessene Erhöhung der Miete verhindern, nicht aber die Preise senken, die bereits zu hoch seien. Diese Haltung erstaunt auch deshalb, weil die Ratsfraktionen dazu lange Zeit weder beraten noch entschieden haben.

Warum eigentlich möchte die Stadt Flensburg weiter einen Sonderweg gehen, wenn z. B. in Kiel der 10. Mietspiegel von 2010 von der Stadt Kiel und von Interessenvertretern der Vermieter und Mieter anerkannt worden ist? Norderstedt veröffentlichte gar seinen 27. Mietspiegel, der seit zwei Jahrzehnten dazu beitrug, den Mietfrieden in Norderstedt zu wahren, indem er Mietern und Vermietern, Gerichten und Gutachtern eine Orientierungshilfe für die ortsüblich gezahlte Vergleichsmiete bot. Reinbek ermittelte seinen Mietspiegel 2007 mit den Daten aus insgesamt 1.200 Wohnungen, um eine rechtssichere Basis für die Bewirtschaftung der Wohnungsbestände zu schaffen; er leiste sogar einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten. In Flensburg dagegen operieren Gutachter vor Gericht mit den Daten fremder Mietspiegel, ohne Gewissheit zu haben, ob die Daten auch wirklich auf Flensburg übertragbar sind.

Inzwischen bietet das Internet Orientierungshilfen: Eine Seite wie www.studenten-wg.de bietet Angaben zur durchschnittlichen Kaltmiete pro m², indem sie Wohnungsanzeigen für Flensburg auswertet. Die Studierenden haben unter www.flensburg-studieren.de ein Portal eingerichtet, auf dem Sie Angaben zu Wohnungen sammeln. Diese Angaben können einen offiziellen Mietspiegel nicht ersetzen, da die Datenbasis nicht ausreichend ist.

Einer Stadt wie Flensburg stünde es gut zu Gesicht, wenn alle Beteiligten an transparenter Preisermittlung interessiert wären, anstatt den Mietspiegel als ein allseits anerkanntes Werkzeug ohne Beratung abzulehnen.

Marc Paysen, Geschäftsführer WiF-Ratsfraktion